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Abriss statt Reparatur?

Zukunftsperspektiven aus dem Munich Security Report 2026

Abriss statt Reparatur?

Der Munich Security Report 2026 trägt seinen Befund schon im Titel: „Under Destruction“. Gemeint ist weniger ein einzelnes Ereignis als ein politischer Stil, der sich ausbreitet - und der das internationale System, wie es nach 1945 unter US-Führung gebaut wurde, nicht reformieren, sondern niederreißen will. Im Bericht ist dafür das Bild der wrecking-ball politics leitend: Bulldozer, Abrissbirne, Motorsäge - Symbole eines Zeitgeists, in dem „Disruption“ nicht mehr Start-up-Rhetorik ist, sondern Staatskunst.

Die Autorinnen und Autoren verankern diesen Stil nicht nur in Persönlichkeiten, sondern in Stimmungen: In den G7-Ländern, so die Daten des Munich Security Index 2026, glaubt nur eine kleine Minderheit, die Politik der jeweiligen Regierung werde künftige Generationen besserstellen; in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Großbritannien überwiegt der Pessimismus deutlich. Parallel wächst das Gefühl, den großen Kräften der Gegenwart – Klimarisiken, ökonomischen Umbrüchen, technologischem Wandel, Kriegen – politisch ausgeliefert zu sein. Aus dieser Mischung entsteht eine gefährliche Attraktivität des Radikalen: Wer zerstört, wirkt handlungsfähig.

Doch der Report stellt die Frage, die in der öffentlichen Debatte oft zu kurz kommt: Was folgt nach dem Abriss? Die Autoren skizzieren als mögliche Zukunft keine „bessere Ordnung“, sondern drei Varianten eines härteren Weltzustands: eine Rückkehr zu Sphären, ein deals-based order ohne verlässliche Regeln - und eine „neo-royalistische“ Politik, in der private Netzwerke und persönliche Loyalitäten staatliche Interessen überformen. In dieser Welt gewinnen nicht „die Abgehängten“, die auf den großen Befreiungsschlag hoffen, sondern vor allem die Mächtigen und Vermögenden.

Amerika als Risiko - und das Ende der bequemen Abhängigkeit

Der stärkste Abrissbagger im Bericht ist die zweite Trump-Administration. Nicht, weil sie anders akzentuiert, sondern weil sie - so die Diagnose - zentrale Pfeiler der Nachkriegsordnung aufkündigt: Multilateralismus und Rechtsbindung, Freihandel und Offenheit, die Idee einer wertebasierten Führungsrolle demokratischer Staaten. Dass ausgerechnet die USA, die „Architektin“ dieses Systems, nun als dessen Demontagekraft auftreten, ist der ironische Kern der Analyse.

Bemerkenswert ist, wie sich dieser Befund in der Wahrnehmung spiegelt: Im Munich Security Index wird die „Risiko-Wahrnehmung USA“ in vielen Ländern deutlich höher als im Vorjahr verzeichnet; zugleich steigen die Sorgen vor Handelskriegen stark. Der Report liest das als Signal, dass das Gefährdungsgefühl nicht mehr nur „gegen außen“ gerichtet ist (Russland, China), sondern auch gegen die Volatilität eines vormals stabilisierenden Hegemons.

Für Europa wird daraus eine existenzielle Zumutung: Jahrzehntelang konnte der Kontinent unter dem amerikanischen Sicherheitsdach Wohlstand und Integration priorisieren. Nun beschreibt der Report eine Lage, in der Russland militärisch und hybrid Druck erhöht, während Washingtons Haltung als „oszillierend zwischen Beruhigung, Konditionalität und Zwang“ wahrgenommen wird. Gerade die Ukraine-Politik der USA erscheint als Inbegriff dieser Unsicherheit: stark reduzierte US-Hilfen seit Anfang 2025, zeitweise Aussetzung von Unterstützung und Intelligence-Sharing, und ein Mechanismus (PURL), bei dem europäische Staaten faktisch US-Waffenkäufe für die Ukraine finanzieren.

Europa reagiert - aber gespalten und zu langsam, so der Tenor: steigende Verteidigungsbudgets, neue Koalitionen, doch zugleich fiskalische Grenzen, industriepolitischer Nationalismus, Abhängigkeit von US-Systemen. Die Pointe ist bitter: Die europäische Autonomie wird ausgerechnet durch jene Beschaffungsentscheidungen gebremst, die politisch oft als „Bindung“ der USA verkauft werden.

Indo-Pazifik: Zwischen China-Druck und amerikanischer Unberechenbarkeit

Was Europa erlebt, erlebt der Indo-Pazifik - nur ohne EU und NATO als institutionelle Stoßdämpfer. Der Report zeichnet China als Macht, die regional hegemonial auftreten will: militärisch massiv aufgerüstet, nuklear expandierend, aggressiver in Grauzonenoperationen, besonders gegenüber Taiwan. Die Zahl chinesischer Luftraumverletzungen in Taiwans ADIZ steigt in der Darstellung dramatisch über die Jahre; die Region rüstet entsprechend auf - Japan, Südkorea, Taiwan, die Philippinen.

Gleichzeitig aber wird die Schutzmacht USA als transaktional beschrieben: Bündniszusagen rhetorisch „ironclad“, aber begleitet von Drohungen, höheren Kostenforderungen, Zollpolitik, und einer China-Strategie, die zwischen Konfrontation und Deal schwankt. In vielen Hauptstädten wächst deshalb weniger die Hoffnung auf eine amerikanische „Pivot“-Renaissance als die Praxis des Hedgings: mehr Eigenrüstung, mehr Minilateralismus - und zugleich das vorsichtige Offenhalten von Kanälen nach Peking.

Der Report macht daraus keine exotische Regionalgeschichte, sondern eine Systemfrage: Wenn Sicherheit und Handel nicht mehr zwei Säulen derselben Ordnung sind (US-Schutz + offene Märkte), dann wird das strategische Rechnen aller Staaten härter. Und die Anreize, sich „klar“ zu positionieren, sinken, wenn die Schutzmacht selbst unklar bleibt.

Geoökonomie und das Sterben der Solidarität: Handel, Hilfe, Humanität

In der Ökonomie wird die Abrissbirne besonders sichtbar: Der Report beschreibt eine US-Handelspolitik, die mit breiten, nicht WTO-konformen Zöllen arbeitet, um bilaterale Vorteile zu erzwingen - und parallel Chinas „weaponization“ von Engpässen, vor allem bei kritischen Rohstoffen. Entscheidend ist dabei weniger die kurzfristige Wachstumszahl als das Klima: Der Bericht betont den sprunghaften Anstieg globaler wirtschaftspolitischer Unsicherheit nach dem „Liberation Day“ 2025 - Unsicherheit als eigentlicher Preis der neuen Ordnung.

Zugleich zeigt er eine zweite Bewegung, die fast wie eine Gegen-Erzählung wirkt: Während Washington und Peking Regeln schleifen, entstehen neue Handelskoalitionen, neue oder wiederbelebte Abkommen, regionale Zusammenschlüsse - Versuche, Regeln im Kleinen zu retten, wenn sie im Großen zerbrechen. Ob das genügt, bleibt offen; der Report nennt die Ordnung „battered but not broken“.

Am härtesten trifft der Abriss dort, wo er nicht nur Märkte, sondern Leben betrifft: bei Entwicklung und humanitärer Hilfe. Der Report beschreibt eine Legitimations- und Finanzierungskrise: klassische Geber kürzen, Interessen werden enger definiert, Hilfe politisiert. Besonders drastisch seien die Folgen der US-Kürzungen und der faktischen Demontage von USAID als unabhängiger Akteur; die Studie nennt als Projektion - gestützt auf externe Forschung - bis zu 14 Millionen vermeidbare zusätzliche Todesfälle bis 2030 im Fall dauerhafter Defundings, und verweist auf unmittelbare Effekte in Krisen wie Sudan (Schließung von Suppenküchen etc.). Gleichzeitig geraten UN-Organisationen in eine prekäre Lage, weil US-Anteile in manchen Budgets sehr hoch waren.

Der Report vermeidet hier moralische Rhetorik - und ist gerade dadurch erschütternd: Er zeigt, wie schnell „Solidarität“ in der Architektur der Weltpolitik zu einem Luxusgut wird, sobald Mächte Politik als Nullsummenspiel interpretieren. Reformvorschläge (Effizienz, Mandatsbündelung, „Reset“-Initiativen) werden erwähnt - aber der Text insistiert auf einem tieferen Problem: Ohne neue politische Begründung von Hilfe - jenseits der alten Erzählung - droht „death by a thousand cuts“.

Was tun, wenn die Baupläne brennen?

Die heimliche Hauptthese des Reports ist nicht nur, dass etwas zerbricht - sondern dass Abwarten selbst zerstörerisch wird. Wer die Abrisspolitik nur „managt“, landet am Ende in Patron-Klient-Verhältnissen, in denen Regeln durch Abhängigkeiten ersetzt sind. Deshalb fordert der Text (gerade in den Europa-Kapiteln) eine Verschiebung von Angst zu Handlungsfähigkeit: eigene Fähigkeiten, gemeinsame Beschaffung, Resilienz gegen hybride Angriffe, belastbare Sicherheitsgarantien für die Ukraine, institutionelle Verankerung durch EU-Perspektiven - und Führung in kleineren, entschlossenen Koalitionen, wenn der Konsens stockt.

Das ist weniger ein Appell als eine Diagnose: Die Ordnung wird nicht dadurch gerettet, dass man sie beschwört. Sie hält nur, wenn genug Akteure bereit sind, sie mit Machtressourcen zu stützen - militärisch, technologisch, wirtschaftlich, politisch. Und zugleich müssen demokratische Systeme im Inneren beweisen, dass Reform möglich ist. Sonst bleibt die Abrissbirne attraktiv - und der Wiederaufbau ein Versprechen ohne Statik.

Daniel Fürg

Daniel Fürg

Daniel Fürg ist Journalist, Autor und Gründer des Mediennetzwerks 48forward. In seinen Texten und Podcasts erkundet er die großen Fragen von morgen – zwischen technologischem Wandel, gesellschaftlicher Verantwortung und der Suche nach Orientierung.

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