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Friedrich Merz: Der Abschied vom normativen Überschuss

Deutschlands Kurswechsel in einer Welt ohne Ordnung

Friedrich Merz: Der Abschied vom normativen Überschuss
Friedrich Merz auf der Munich Security Conference 2026 (© Tobias Hase/MSC)

Friedrich Merz beginnt mit einer Diagnose, nicht mit einem Versprechen. Die internationale Ordnung, sagt er, „so unvollkommen sie selbst zu ihren besten Zeiten war, sie gibt es so nicht mehr“. Das ist der gedankliche Ausgangspunkt seiner Rede zur Eröffnung der Münchner Sicherheitskonferenz 2026. Nicht Alarmismus, sondern Zustandsbeschreibung. Der Kanzler markiert damit einen Bruch: Die Epoche, in der Europa in einer regelbasierten Welt agieren konnte, ist vorbei.

Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sei eine neue Phase offen ausgebrochener Machtpolitik eingetreten. China erhebe einen globalen Gestaltungsanspruch, die Vereinigten Staaten seien in ihrem Führungsanspruch „angefochten, vielleicht schon verspielt“. Der „unipolare Moment“ nach dem Ende des Kalten Krieges sei Geschichte. Merz spricht von einer Welt, in der Rohstoffe, Technologien und Lieferketten zu Instrumenten eines „Nullsummenspiels der Großen“ werden.

Der Ton ist nüchtern, fast kühl. Doch hinter dieser Nüchternheit liegt eine strategische Verschiebung: Deutschland müsse seine Rolle neu definieren.

Die Korrektur der deutschen Selbstwahrnehmung

Der vielleicht politisch folgenreichste Satz der Rede lautet: „Gemessen an ihren Machtmitteln hatte die deutsche Außenpolitik der letzten Jahrzehnte … einen normativen Überschuss.“

Merz beschreibt damit eine Diskrepanz zwischen moralischem Anspruch und realer Durchsetzungsfähigkeit. Deutschland habe kritisiert, gemahnt, gefordert – ohne immer über die Mittel verfügt zu haben, Ordnung auch zu sichern. „Diese Schere zwischen Anspruch und Möglichkeiten, sie hat sich zu weit geöffnet.“

Der Kanzler kündigt an, diese Schere zu schließen. Nicht als Abkehr von Werten, sondern als Anpassung an die Realität. Freiheit sei in der „Ära der Großmächte“ nicht mehr selbstverständlich gegeben. „Wir legen den Schalter im Kopf um“, sagt Merz.

Das ist der eigentliche programmatische Kern der Rede: ein mentaler Kurswechsel. Deutschland müsse staatliche Macht neu denken. „Nicht nur zu viel staatliche Macht zerstört das Fundament unserer Freiheit. Zu wenig staatliche Macht führt auf anderem Weg zum selben Ergebnis.“ Dieser Satz rückt die deutsche Nachkriegsmentalität in ein neues Licht. Skepsis gegenüber Macht bleibt, aber Untätigkeit wird nun selbst zum Risiko.

Stärke als Voraussetzung für Partnerschaft

Die Konsequenz aus dieser Analyse ist eine massive Aufwertung der sicherheitspolitischen Handlungsfähigkeit. Merz kündigt an, Deutschland werde in den kommenden Jahren „mehrere hundert Milliarden Euro“ investieren, die Bundeswehr „schnellstmöglich zur stärksten konventionellen Armee Europas“ machen, die Verteidigungsindustrie ausbauen, die Ostflanke der NATO stärken, die Gesellschaft widerstandsfähiger gegen hybride Angriffe machen.

Sicherheitspolitik und Wirtschaftspolitik verschmelzen. „Wettbewerbspolitik ist Sicherheitspolitik.“ Technologische Souveränität, resiliente Lieferketten, der Schutz kritischer Infrastruktur – all das wird in denselben strategischen Rahmen gestellt wie Abschreckung und militärische Stärke.

Gleichzeitig betont Merz: Großmachtpolitik in Europa sei „für Deutschland keine Option“. „Hegemoniale Fantasien? Nein, nie wieder werden wir Deutsche allein gehen.“ Der Anspruch ist Führung, aber eingebettet – partnerschaftlich, europäisch, eingebunden in Bündnisse.

Europa als Machtfaktor

Ein zentraler Teil der Rede ist die Stärkung Europas. Ein „souveränes Europa“ sei die beste Antwort auf die neue Zeit. Merz fordert weniger bürokratische Selbstfesselung und mehr strategische Klarheit. Artikel 42 des EU-Vertrags – die Beistandsklausel – müsse praktisch mit Leben gefüllt werden.

Besonders sensibel ist der Hinweis auf Gespräche mit Frankreich über europäische nukleare Abschreckung – „strikt eingebettet“ in die bestehende NATO-Struktur. Das Signal ist eindeutig: Europa soll sicherheitspolitisch selbsttragender werden, ohne das Bündnis aufzugeben.

„Zerreißt Europa, zerreißt Deutschland.“ Mit diesem Satz macht Merz die europäische Integration zur existenziellen Frage deutscher Sicherheit.

Die transatlantische Nüchternheit

Ungewöhnlich offen spricht der Kanzler über die Spannungen mit den Vereinigten Staaten. Zwischen Europa und Amerika habe sich „eine Kluft, ein tiefer Graben“ aufgetan. Die transatlantische Partnerschaft habe ihre Selbstverständlichkeit verloren.

Und doch verwirft Merz jede Absetzbewegung. Europa solle die Vereinigten Staaten nicht „abschreiben“. Stattdessen müsse die Partnerschaft „handfest, nicht esoterisch“ neu begründet werden. Die NATO sei nicht nur Europas Sicherheitsgarantie, sondern auch Amerikas „Wettbewerbsvorteil“.

Der Ton ist weder unterwürfig noch konfrontativ. Er ist sachlich. Europa müsse aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ herauswachsen – nicht gegen Amerika, sondern im Bündnis mit neuer Eigenständigkeit.

Eine Strategie der Selbstbehauptung

Die Rede folgt einer klaren Dramaturgie: Diagnose des Machtzeitalters, Korrektur deutscher Selbstwahrnehmung, Aufbau eigener Stärke, Einbettung in Europa, Neujustierung des Transatlantiks, Ausweitung globaler Partnerschaften.

Merz beschreibt keine Vision einer neuen Weltordnung. Er verspricht auch keinen raschen Frieden. Stattdessen formuliert er eine Strategie der Selbstbehauptung. Deutschland solle seine Freiheit sichern, indem es seine Mittel stärkt – militärisch, wirtschaftlich, technologisch und politisch.

Am Ende steht kein Pathos, sondern ein Generationenargument: Diese Zeit dürfe „nicht finster werden“, sondern eine gute Zeit für Kinder und Enkelkinder.

Die Rede markiert damit einen Wendepunkt im Selbstverständnis deutscher Außenpolitik. Sie verabschiedet sich vom Primat moralischer Appelle und setzt auf strategische Handlungsfähigkeit. Nicht als Machtfantasie – sondern als Absicherung von Freiheit in einer Welt, die wieder von Macht geprägt ist.

Daniel Fürg

Daniel Fürg

Daniel Fürg ist Journalist, Autor und Gründer des Mediennetzwerks 48forward. In seinen Texten und Podcasts erkundet er die großen Fragen von morgen – zwischen technologischem Wandel, gesellschaftlicher Verantwortung und der Suche nach Orientierung.

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