Es braucht Mut, Menschen loszulassen. Noch mehr Mut braucht es, zu erkennen, dass manche Beziehungen nichts zurückgeben – und dass es erlaubt ist, sich davon zu trennen. Alice Merton hat sich diesen Mut erarbeitet. Mit dem ersten Song ihres neuen Albums „Visions", „Ignorance is Bliss“, setzt sie einen Ton, der weniger nach Weltflucht als nach bewusster Selbstermächtigung klingt: „Ich habe die Kraft, selbst zu entscheiden, wen ich noch in meinem Leben haben möchte.“ Was wie ein einfacher Satz klingt, ist das Resultat eines langen inneren Prozesses – der sich durch viele der Stücke auf dem Album zieht. Es geht um Abschiede, nicht nur von Menschen, sondern von Erwartungen. Es geht um das Recht, sich nicht länger für andere zu verbiegen. Und es geht um das stille Wissen, dass man Heimat auch in sich selbst finden kann.
Wenn Musik zur Landkarte wird
Geboren in Deutschland, aufgewachsen in Kanada, später in England – Merton ist geprägt von kultureller Vielfalt, aber auch von wiederholten Brüchen. „Ich bin offener geworden, aber auch empfindsamer“, sagt sie. Orte wie Island – wo ein Teil des Albums entstand – sind für sie mehr als Kulisse. Sie sind Katalysatoren für innere Zustände. In einem kleinen Tonstudio mitten in der isländischen Landschaft entstanden einige der emotionalsten Stücke der neuen Platte. „Ich habe mich so verbunden gefühlt mit der Natur, mit dem Stillsein, mit dem Gedanken, dass Musik Raum braucht, um zu wirken“, erzählt sie. Kein Zufall also, dass das Album weniger von elektronischer Überladung lebt als von organischem Sound, echten Drums, Gitarren und fließenden Übergängen zwischen Klang und Gefühl.
Songwriting war für mich wie Therapie – besonders nach dem Umzug nach Deutschland.
Alice Merton
Und manchmal reicht ein Klang, um alte Wunden zu öffnen. „Ich verstehe nicht, warum bestimmte Melodien etwas in mir auslösen“, sagt sie. „Aber sie tun es.“ Diese Form von Intuition zieht sich durch ihr Werk – und ist zugleich das Fundament ihrer künstlerischen Unabhängigkeit. „Ich habe nie Musik gemacht, um Hits zu landen. Ich will etwas schaffen, auf das ich stolz bin.“ In einer Branche, die zunehmend durch Algorithmen, viralen Druck und kurzfristige Aufmerksamkeit regiert wird, ist das fast schon eine radikale Haltung.
Mehr Tiefe, weniger Bühne
Trotzdem ist Merton keine Verweigerin der Gegenwart. Sie beobachtet genau, wie sich die Rolle von Künstler:innen verändert hat. „Heute musst du nicht nur Musik machen, du musst Content liefern. Immer. Jeden Tag. Und oft bleibt genau das, was wirklich Tiefe hätte, im Algorithmus liegen.“ Für jemanden, der seine Songs als emotionale Dokumente versteht, ist das mehr Last als Lust. Merton möchte nicht ihre Fans mit Storys aus dem Alltag füttern. Sie möchte, dass sie ihre Musik hören – und dort erkennen, was sie gerade selbst bewegt. „Ich will diese Liebe zur Musik bewahren. Ich will mich nicht irgendwann ausgebrannt fühlen.“
Das ist nicht nur ein künstlerischer Anspruch, sondern auch ein persönlicher Schutzmechanismus. Denn wer so offen über Verlust und Verletzlichkeit singt wie sie – etwa in dem Song „Marigold", einer zarten Auseinandersetzung mit dem Tod – braucht auch die Distanz, um sich selbst nicht zu verlieren. Und wer sich bewusst von Menschen trennt, um innerlich zu wachsen, muss lernen, mit der entstandenen Leerstelle zu leben.
Was bleibt, wenn man nicht alles mitmacht? Vielleicht genau das: Eine Stimme, die nicht laut sein muss, um gehört zu werden. Eine Musik, die nachwirkt. Ein Album, das mehr will als Reichweite – nämlich Resonanz. Alice Merton sucht genau diese Resonanz: in der Musik, im Austausch, in der Reflexion. Und genau deshalb ist „Visions" ein Album, das nicht nur von ihr erzählt, sondern von all denen, die auf der Suche nach sich selbst ein Stück Ballast abwerfen müssen.