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Alin Coen über ADHS, Musik und Zärtlichkeit

Die Zärtlichkeit als Gegenprogramm

Alin Coen über ADHS, Musik und Zärtlichkeit
Alin Coen

Es gibt Sätze, die man viel zu selten sagt. „Du bedeutest mir die Welt" ist so einer. Im Alltag geht er unter, klingt zu groß, zu pathetisch, zu verletzlich. Alin Coen hat ihn zum Titel ihres neuen Albums gemacht – und meint ihn nicht als Liebesschwur im klassischen Sinne, sondern als Wiedergutmachung. Das Titellied handle davon, sagt sie, nach einem Konflikt innezuhalten und sich zu entschuldigen: „Ich will nur, dass du weißt, dass du mir wichtig bist. Auch wenn ich mich in manchen Situationen nicht so super verhalte."

Damit ist der Ton gesetzt für ein Album, das sich wie ein leiser Einspruch liest gegen die Verrohung der Umgangsformen, gegen Cybermobbing und die „harsche Sprache miteinander", wie Coen es nennt. Dabei wollte die Musikerin, die zwischen ihren Alben oft jahrelange Schreibpausen einlegt, eigentlich etwas ganz anderes machen: ein tanzbares Album. Doch als die ersten Songs geschrieben waren, stellte sie fest, dass ihr Impuls ein anderer war – „eigentlich was Zärtliches und Liebevolles". Sie führt das auch auf ihre Rolle als Mutter zurück, die sie seit neun Jahren innehat und die sich, wie sie sagt, erst jetzt in ihrer Musik niederschlägt. Bei Coen brauchen die Dinge Zeit: Themen schlummern oft zehn, fünfzehn Jahre in ihrem System, bevor der „Gärungsprozess" abgeschlossen ist und sie als Song wieder an die Oberfläche kommen.

Ein Safe Space aus Klang

Dass ihre Lieder Dinge aussprechen, die im Gespräch kaum über die Lippen kämen – Komplimente, Lob, ungefilterte Gefühle –, ist keine Strategie, sondern eine Eigenart des Schreibens selbst. „Vielleicht entsteht da so eine Art Gefühls-Safe-Space in dem Moment, wo ich in dieser Musik so drin bin", beschreibt Coen es. Die Musik schaffe einen emotionalen Raum, ihre Texte versuchten nur, diese Musik „zu bebildern oder sie transportabel zu machen". Was dann herauskommt, überrascht sie mitunter selbst. Als beim Song „Immer noch da" plötzlich die Zeile auftauchte „Ich habe das Ende meiner Einsamkeit gefunden", musste sie erst einmal weinen – obwohl, oder gerade weil, der Satz so ultimativ positiv ist.

Es ist diese Verletzlichkeit, die im deutschen Sprachraum so selten kultiviert wird. Sich Lob zu geben, einander ernst gemeinte, nette Dinge zu sagen – das müsse man tatsächlich erst lernen, glaubt Coen. Sie erzählt von einer Übung aus der Grundschulpädagogik, der „warmen Dusche": Ein Kind, das auffällig geworden ist, wird nicht bestraft, sondern bekommt von allen Mitschülern gesagt, was sie an ihm mögen. „So ein Kind will ja eine Form von Aufmerksamkeit", sagt Coen. „Und das ist halt so eine nette Art, dem zu begegnen." Der Muskel des Komplimentemachens, so ihre These, müsse trainiert werden – bei Kindern wie bei Erwachsenen.

Die späte Diagnose

Dass Coen über Achtsamkeit nicht nur im gesellschaftlichen, sondern auch im ganz persönlichen Sinne spricht, hat mit einer Begegnung in einer Hamburger Fußgängerzone zu tun. Eine Kinderneurologin, Freundin ihrer Mutter, fragte sie 2020 beiläufig, ob sie über sie in einem ADHS-Magazin schreiben dürfe – auf ihrem damals aktuellen Album sei ja „jedes Lied ein ADHS-Lied". Coen hielt das zunächst für ein Missverständnis. Erst YouTube-Videos des Kanals „How to ADHD" öffneten ihr die Augen: „Ich habe Rotz und Wasser geheult", erinnert sie sich, „als ob mir die Schuppen von den Augen fallen würden." Endlich gab es eine Erklärung für das, was sie jahrelang begleitet hatte – das Gefühl, „irgendwie komisch" zu sein, die fünf angefangenen und nie beendeten Dinge, die Klausur im Studium, deren Lösung ihr erst in der letzten Stunde unter maximalem Zeitdruck einfiel.

Dass die Diagnose so spät kam, bedauert sie nicht unbedingt. In ihrer Schulzeit sei die Stigmatisierung groß gewesen, die positiven Seiten der Neurodivergenz kaum ein Thema. Sie erinnert sich an einen Mitschüler mit Diagnose, den ein Lehrer vor der Klasse fragte, ob er vergessen habe, seine Medikamente zu nehmen. Und an ihre eigene Grundschullehrerin, die ihrer Mutter prophezeite, das Kind werde am Gymnasium „kläglich scheitern". Coen hat es dann doch geschafft – auf einem Musikgymnasium, ausgerechnet. Das Schulsystem, sagt sie heute, sei ein „total defizitorientiertes System", das noch nicht individuell genug mit den Talenten der Kinder umgehen könne.

Schreiben aus der Langeweile

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Coens Weg zum Songwriting über die Langeweile führte. Ihr erstes Lied schrieb sie mit zwanzig, in einem Kellerzimmer auf einem schwedischen Bauernhof, ohne Handy, mit viel Zeit und einer geliehenen Gitarre – umgeben von Menschen, für die es selbstverständlich war, eigene Songs zu schreiben. Heute erzwingt sie diese Bedingungen bewusster: Dreimal die Woche ging sie für das neue Album in ihren Berliner Proberaum, auch wenn dort wochenlang „kein Gefühl hochgekommen" ist. Bis dann doch ein Akkord kam, an dem sie dranbleiben wollte. Das nächste Album, hat sie sich vorgenommen, soll in zwei Jahren erscheinen – und tanzbar werden. Man darf gespannt sein, ob der Gärungsprozess sich an den Zeitplan hält.

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