„Gehts noch“ ist ein Titel, der nicht einmal ein Fragezeichen braucht, um zu treffen. Er klingt wie ein Stoßseufzer, wie eine Hand an der Stirn, wie das kurze Aufleuchten von Zweifel in einer Welt, die sich längst an Überreizung gewöhnt hat. Ansa Sauermann hat diese fehlende Interpunktion bewusst gesetzt – oder genauer: bewusst weggelassen. „Es kann eine Frage sein, geht’s noch, und es kann aber auch eine Reaktion, eine Antwort sein auf das Chaos“, sagt er. Der Titel kann anklagen – und zugleich abwinken. Er kann Wut sein. Oder Erschöpfung.
Dass Sauermann sein neues Album selbst als sein bislang politischstes bezeichnet, wirkt zunächst wie eine Genreansage, als würde hier jemand jetzt auch einmal „Stellung beziehen“. Doch er erzählt es anders: nicht als Konzept, sondern als Konsequenz. „Das war jetzt keine Entscheidung, die ich getroffen hatte im Sinne von: Ich möchte jetzt wieder politische Musik machen, sondern das war eine logische Konsequenz, eine Notwendigkeit.“ Das Politische kommt bei ihm nicht aus dem Seminarraum, sondern aus dem privaten Gelände: aus Freundschaften, die reißen; aus Gesprächen, die kippen; aus einer Heimatstadt, in der sich über Jahre Strömungen festsetzen, „wo auch mir enge und wichtige Beziehungen sehr darunter gelitten haben“.
Der Lärm der Gewissheiten
Sauermann beschreibt eine Gesellschaft, die das Zwischenmenschliche wie ein Nebenschauplatz behandelt und stattdessen in Daueralarm lebt. Er spricht von „Dauerempörung“, von diesem Zustand, in dem jede Nuance als Verrat gilt und jede abweichende Stimme als Angriff. „Ich würde gerne auch dieser Dauerempörung ein bisschen den Schaum vom Mund wischen“, sagt er – ein Satz, der zugleich drastisch und erschreckend präzise ist. Denn wer dauernd schäumt, kann nicht zuhören. Und wer nicht zuhört, kann nicht widersprechen, ohne zu zerstören.
Dabei insistiert Sauermann auf einer Grenze, die in Debatten heute leicht untergeht: Gesprächsbereitschaft heißt nicht Beliebigkeit. „Ich will damit gar nicht sagen, dass ich irgendwelche extremistischen Meinungen und Personen und Standpunkte irgendwo relativieren will, um Gottes Willen. Da müssen ganz klar Grenzen aufgezeigt werden.“ Aber er verweigert das bequeme Weltbild, in dem draußen „80 oder 40 Millionen Extremisten durchs Land rennen“. Der Satz klingt banal – und ist doch eine Kampfansage an die Logik sozialer Medien, die Komplexität nicht belohnt, sondern Bestrafung.
„Es gibt keine Debattenkultur mehr, keine gesunde mehr. Es gibt nur noch auf die Fresse“, sagt Sauermann. Er meint damit nicht nur das rechte Milieu, sondern auch die Selbstzerfleischung des Progressiven: „Die Linken können das sehr gut, sich gegenseitig auf die Fresse hauen.“ Seine Beispiele stammen aus Dresden, aus den Jahren, als sich Gegendemonstrationen gegen Pegida in mehrere Lager aufspalteten – „sieben Gegendemonstrationen“ –, während die Rechten Geschlossenheit simulierten. Ein fatales Bild, weil Politik eben auch Theater ist: Wer einheitlich auftritt, wirkt stärker, selbst wenn er falsch liegt.
Politik beginnt nicht bei der Wahl
Sauermann misstraut der Pose des engagierten Bürgers, die sich heute so leicht herstellen lässt: ein Repost, ein empörter Kommentar, ein virtuelles Abzeichen – und schon fühlt man sich auf der richtigen Seite. Doch er sagt es scharf: Viele glaubten, sie hätten „unsere politische Bürgerpflicht erledigt“, weil sie „irgendwo was reposten oder irgendwo eine bescheuerte Story ablassen“. Und während die Empörungskultur weiter brennt, wird das Gespräch unmöglich.
Seine Kritik zielt auf eine Gewohnheit, die wie ein demokratischer Reflex wirkt, aber oft nur Eitelkeit ist: das Zwangsverhalten, zu allem eine Meinung zu haben. „Es muss nicht jeder immer eine scheiß Meinung zu allem haben“, sagt er. Dieser Satz wirkt zunächst wie ein Trotz, ist aber auch ein Plädoyer für intellektuelle Bescheidenheit – und für eine Tugend, die in der Gegenwart rar geworden ist: das Aushalten von Nichtwissen. Zuhören, sagt Sauermann, sei nicht Unterwerfung, sondern Beteiligung. Und Selbstzweifel eine Form von Verantwortung.
Seine Beispiele für Engagement sind bewusst bodennah. Er erinnert an die „Shampoo-Shows“ in Dresden, Benefizkonzerte in kleinen Clubs, bei denen Geld gesammelt wurde für Hygieneartikel in Flüchtlingsunterkünften – Tampons, Binden, Rasierer. Als er selbst einmal Pakete in eine Unterkunft brachte, schildert er eine Szene, die in ihrer Drastik jede Statistik überflüssig macht: Menschen kamen „angerannt“ und rissen ihm die Pakete „aus den Händen“ – nicht aus Gier, sondern aus Mangel. Es ist dieses konkrete Bild, das politisches Reden erdet: Nicht die große Parole, sondern die kleine Not.
Und Sauermann benennt eine weitere Leerstelle der Gegenwart: die Orte des Streitens. Er schwärmt von einer wöchentlichen Diskussionsrunde in einem Wiener Café, „wie so eine Philosophenrunde, wie früher“, wo man „tagesaktueller politischer Themen“ wegen zusammenkommt – nicht als Tribunal, sondern als Übung. Er lobt Menschen, die bewusst ihre Bubble verlassen, weil man sonst nur die erreicht, „die sowieso dabei sind“. Das ist auch eine Medienkritik: Der Applaus der eigenen Seite ist warm, aber politisch wirkungslos.
Wenn Kunst wieder den Finger in die Wunde legt
Sauermann sieht die Popmusik in einer merkwürdigen Lage: historisch politisch, heute oft entpolitisiert. „In der Pop- und auch Rockmusik, die immer eigentlich sehr politisch war und sein sollte und sie aber nicht mehr ist.“ Gesellschaftskritik sei längst stärker in Rap und Hip-Hop verankert, während Pop sich in „You-and-I-Texten“ erschöpfe. Er sagt das ohne moralische Überlegenheit – „ich will mich selbst auch nicht davon ausnehmen“ –, aber mit einer Diagnose, die zugleich Klage ist: Kultur verliert ihr Widerstandsorgan, wenn sie sich nur noch um Privatromantik dreht.
Dabei kennt Sauermann die Fallen politischer Musik sehr genau. Der Zeigefinger, sagt er, sei seine größte Angst. „Dieses du, du, du … davor hatte ich am meisten Angst, das habe ich partout vermieden.“ Ein deutschsprachiger Protestsong klinge schnell „platt und pathetisch“. Deshalb habe er viel geschrieben und wieder weggeworfen, weil es „nicht poetisch genug“ gewesen sei oder zu sehr „mit dem Nagel auf dem Kopf“. Und doch gibt es auf dem Album Stücke wie „Tim Telegram“, die die digitale Erregungsindustrie direkt adressieren – inklusive der Idee, man bräuchte vielleicht „einen Führerschein fürs Internet“.
Protestsongs kann man nicht auf Bestellung schreiben – Protest ist etwas, das raus will.
Ansa Sauermann
Politisch ist auf diesem Album nicht nur der Inhalt, sondern auch der Ton: Sauermann will die Welt nicht nur anklagen, er will ihr das Atmen zurückgeben. Er erzählt von Deutschen, die selbst im Ausland noch das Schimpfen perfektionieren, als wäre es eine nationale Sportart. Und er setzt dagegen einen Satz, der fast unzeitgemäß wirkt: „Man muss Spaß am Leben haben.“ Nicht als Verharmlosung, sondern als Verteidigung des Lebens gegen jene, die aus Dauerangst ein Weltbild machen. „Wenn ich die Welt so betrachte wie du, dann … da kann ich mir einen Strick nehmen“, sagt er über Menschen, die ihn für ihre Untergangserzählungen gewinnen wollten. Sein Album, sagt er, sei „die Antwort auf diese ganzen Versuche“.
Auch ästhetisch sucht Sauermann nach Nähe statt Perfektion. Teile des Albums sind zu Hause vorproduziert, ohne Studiouhr und Kostenstress – „viel intuitiver arbeiten“, sagt er. Manchmal brauchte er „eine ganze Nacht lang 50 Takes“, um es so klingen zu lassen, „als ob ich mir keine Mühe gegeben hätte“. Und manchmal blieb genau der „beste Take“ aus dem Home-Recording auf der Platte, obwohl er technisch rauer klang: „Am Ende gewinnt immer der beste Take … gegen die Soundqualität.“ Perfektion ist für ihn nicht Wahrheit; Wahrheit ist oft das, was in einem bestimmten Moment gelingt – „spät in der Nacht“, müde, unangestrengt.
So wird „Gehts noch“ zu einem Album über die Gegenwart, ohne sich ihr anzubiedern: über das Zerbröseln von Debattenkultur, über die Versuchung einfacher Antworten, über die Müdigkeit inmitten von Informationsfluten – und über die Frage, wie man in all dem überhaupt noch ein „Wir“ denken kann, ohne sich selbst zu belügen.