Wer im Jahr 2026 darüber nachdenkt, was ein Mann zu besitzen habe, riskiert mindestens drei Vorwürfe gleichzeitig: Rollenfolklore, Konsum, Eitelkeit. Drei Wörter, die in der deutschsprachigen Debatte zuverlässig funktionieren, weil sie das Gespräch beenden, bevor es beginnt. Ein Buch wie "100 Staple Pieces – die Wunschliste des modernen Gentleman", verfasst vom Hamburger Influencer und Autor Ben Bernschneider, das auf hundert Kapiteln Kleidungsstücke, Accessoires und kleine Begleiter eines Lebens versammelt – vom Trenchcoat bis zum Flachmann –, lädt diese Vorwürfe geradezu ein. Es macht es seinen Kritikern sogar leicht: Die Wunschliste, im Titel offen genannt, ist lang und oftmals teuer.
Liest man hinein, fällt allerdings auf, wie wenig der Autor an Status und Geltungsdrang interessiert ist und wie sehr an dem, was Menschen mit diesen Staple Pieces tun. Der Trenchcoat, mit dem alles begann – damals, im Dispo, monatelang abgespart wie für ein erstes Auto –, ist nicht das Objekt einer Begierde. Er ist der Anfang einer Übung. Wer lange genug gewartet hat, bis er sich etwas leisten kann, behandelt es anders. Die Begeisterung, die andere für ihre Skihütten oder ihre Trauringe aufbringen, gilt hier einem Mantel aus Gabardine. Das mag man banal finden. Es ist nur leider auch wahr.
Was die Männer verlernt haben
Die Männermode in Deutschland, betrachtet aus einigem Abstand, ist eine seltsam erstarrte Angelegenheit. Während Frauen, wie Bernschneider trocken bemerkt, "heute einen Cowboy-Boho-Style" und morgen "Skater-Braut" tragen, also je nach Tagesform durch ein halbes Jahrhundert Kostümgeschichte spazieren, bleibt der Mann seinem Hoodie treu, seiner Trainingshose, im besseren Fall einem Sakko, das er als Lebensversicherung betrachtet. Es gibt für dieses Verharren ökonomische, soziologische und auch lieb gewonnene biografische Erklärungen. Eine reicht selten: dass den meisten deutschen Männern beigebracht wurde, Sich-Mühe-Geben mit dem Eigenen sei verdächtig. Eitelkeit ist eine Frauensache, hieß es lange, und wer es als Mann doch versuchte, lief Gefahr, in eine andere Schublade gesteckt zu werden.
Was viele Männer nicht machen, im Gegensatz zu vielen Frauen, ist, sich überhaupt mal die Chance zu geben, sich wohlzufühlen.
Ben Bernschneider
Bernschneider, der seit knapp zwei Jahren in kurzen Videos auf Instagram – inzwischen sehen ihm dort eine halbe Million Menschen zu – sehr ruhig über Manschettenknöpfe, Krawatten und das richtige Hemd unter einem Pullover spricht, versucht diese Schublade leise auseinanderzuschieben. Er tut es nicht missionarisch. Auf die Frage, ob mehr Männer Anzüge tragen sollten, antwortet er: "Um Himmels willen. Nein. Also das ist ja gerade das Problem." Es gehe einzig darum, dass jemand sich "überhaupt mal die Chance gibt, sich wohlzufühlen". Ein Satz, der harmlos wirkt und doch eine ganze pädagogische Tradition kippt. Denn das, was der Mann tragen soll, ist nichts Spezifisches – es ist das, in dem er sich findet. Notfalls, ergänzt Bernschneider, ein Hoodie.
Stil ist eine Haltung, kein Kontostand
Was den Verfasser dieser hundert Stücke vom üblichen Influencer-Inventar unterscheidet, ist eine fast altmodische Kategorie: Rücksicht. Wer das Buch nach einer Anleitung zum Statusgewinn durchblättert, wird enttäuscht. Schnelle Autos und teure Uhren findet Bernschneider, der einen Schnurrbart trägt, der wie ein Argument für sich selbst aussieht, "scheiße". Den Anzug als Pose verachtet er. Es seien, sagt er, "neunzig Prozent Einstellung", die einen Stil ergäben, neunzig Prozent "Rücksichtnahme, Respekt voreinander, einfach mal der stille Mann zu sein, anstatt mit einem riesigen Logo auf deinem T-Shirt in der Gegend rumzubrüllen".
Es ist diese Verschiebung, die das Buch interessant macht, auch für jene, die nicht vorhaben, sich einen Montblanc-Füller zuzulegen. Stil, in der Lesart Bernschneiders, ist kein Distinktionsmerkmal, sondern eine Form der Aufmerksamkeit. Wer in einer Hotellobby in Flipflops auftaucht, sagt nichts über die Hotellobby, aber einiges über sein Verhältnis zur Umgebung. Wer sich für ein Restaurant in Parfum hüllt, vergiftet den Gästen den Wein und das Essen. Wer einem Gesprächspartner nicht in die Augen sieht, ist nicht entspannt, sondern nachlässig. Das alles, hält Bernschneider fest, sei "common sense". Und vermutlich liegt darin der heimliche Skandal des Buches: dass eine ganze Branche der Männerratgeber davon lebt, ihrem Publikum als Sensation zu verkaufen, was früher die Erziehung erledigte.
Begeisterung als die eigentliche Tugend
Wer die hundert Stücke gelesen hat, hat nicht hundert Kaufempfehlungen aufgenommen, sondern eine kleine Pädagogik der Begeisterungsfähigkeit. "Alles, was aus Pflichtbewusstsein beginnt, stirbt", sagt der Autor – und es klingt nicht nur wie ein Mantra, sondern wie eine sanfte Polemik gegen das mürrische Bildungsbürgertum, das man hierzulande noch häufig antrifft, die "drögen Gesichter", die ein Möbelstück nicht erkennen wollen, eine Epoche nicht, eine Schnittführung nicht. Eltern, die ihren Kindern jede Neugier vergällten, weil "alles Fremde erst einmal scheiße" sei, hält er für die größere Gefahr als jeden Fast-Fashion-Konzern. Wer einmal staunen gelernt habe, lande irgendwann in einem "Rabbit Hole", das das Leben für lange Zeit füllen kann – sei es das Möbel des Biedermeier, sei es die Frage, warum James Bond einen Smoking auf eine bestimmte Weise trägt, sei es die vierte Staffel "Yellowstone", nach der, glaubt man Bernschneider, eigentlich niemand mehr ohne Cowboyhut leben dürfte.
Es ist diese Mischung, die das Buch von einer Konsumliste unterscheidet: das Beharren darauf, dass Geschmack erst dort beginnt, wo Menschen sich erlauben, etwas wirklich zu mögen. Wer wenige Dinge besitze, "die aber alle so schön sind, dass dein Herz höher schlägt", werde, sagt Bernschneider, "nie wieder unglücklich sein mit dem, was er trägt". Das ist eine gewagte Behauptung. Sie hat aber, in einer Saison, in der die Schränke voller sind als die Köpfe, etwas Tröstliches.