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Bernhard Tewes: Was kann Hypnose wirklich?

Der Zustand, in dem das Unterbewusste zuhört

Bernhard Tewes: Was kann Hypnose wirklich?
Bernhard Tewes

Hypnose hat in der Popkultur ein Problem: Sie ist dort oft ein Spektakel. Ein Mensch sitzt auf einem Stuhl, ein anderer schnippt, und plötzlich rennt jemand gackernd über eine Bühne – als wäre der Wille ausgeschaltet, als gäbe es einen geheimen Zugriff auf das Gehirn. Genau dieses Bild sorgt bis heute dafür, dass Hypnose gleichzeitig fasziniert und misstrauisch macht.

Bernhard Tewes, Hypnosetherapeut und Autor, versucht die Sache nüchterner zu beschreiben – fast technisch. Hypnose, sagt er, sei kein Zauber, sondern ein Zustand: ein Bereich zwischen Wachsein und Schlaf, in dem das bewusste Denken leiser wird und das Unterbewusstsein empfänglicher. „Ich nenne Hypnose auch den Thetazustand“, sagt Tewes, und meint damit jenen Moment kurz vor dem Einschlafen, wenn man nicht mehr argumentiert, sondern eher fühlt; wenn man nicht mehr plant, sondern schon driftet. Das Entscheidende an seiner Definition: Man verliert nicht die Kontrolle. „Man kriegt dabei alles mit, man kann sich an alles erinnern, das Wertesystem ist noch angeschaltet.“

Das ist die Entmystifizierung, die Hypnose zunächst braucht, um überhaupt als ernsthaftes Werkzeug in Betracht zu kommen: nicht als Eintrittskarte ins Fremdsein, sondern als Zugang zum Eigenen. Denn wer Hypnose therapeutisch nutzt, zielt nicht darauf, jemanden vorzuführen – sondern darauf, an einem inneren Programm zu arbeiten, das im Alltag längst die Führung übernommen hat.

Warum wir so oft wissen – und trotzdem anders handeln

Viele Probleme, wegen derer Menschen Hilfe suchen, sind keine Wissensprobleme. Wer Lampenfieber hat, weiß meist sehr genau, dass er nicht sterben wird, wenn er vor anderen spricht. Wer nachts wachliegt, kennt alle Ratschläge über Bildschirme, Kaffee, Routinen. Wer sich in Stressschleifen verliert, hat häufig schon lange verstanden, dass es „eigentlich“ keinen Grund gibt, ständig auf Alarm zu sein.

Und doch passiert es. Immer wieder. „Nur zwei bis fünf Prozent der täglichen Entscheidungen“ würden überhaupt bewusst getroffen, sagt Tewes, „und der Rest unterbewusst.“ Der Satz wirkt wie eine Zumutung – er ist aber auch eine Erklärung dafür, warum Selbstoptimierung oft so frustrierend ist: Das Bewusstsein schreibt To-do-Listen, das Unterbewusstsein führt Regie.

In dieser Logik ist Hypnose weniger Versprechen als Abkürzung: nicht, weil sie Probleme wegzaubert, sondern weil sie dort ansetzt, wo viele Muster entstehen – bei Emotionen, automatischen Bewertungen, erlernten Schutzprogrammen. Besonders anschaulich wird das bei Redeangst. Tewes beschreibt sie als uraltes Sicherheitsprogramm: Wer in der Gruppe auffällt, könnte ausgeschlossen werden; wer ausgeschlossen wird, ist in Gefahr. Ein Rest Höhlenlogik im modernen Konferenzraum. Ein bisschen Adrenalin sei normal, sagt er – „ich auch“. Entscheidend sei, ob das System „in den roten Bereich“ gerate: fight, flight – oder freeze. Und der Freeze fühlt sich dann an wie Blackout.

Es gibt Dinge, die wir nicht verändern können – aber wir können unsere Haltung dazu verändern.

Bernhard Tewes

Therapeutisch geht es für Tewes darum, diese innere Schutzabsicht ernst zu nehmen und umzuschreiben. Er arbeitet, wie er es nennt, „ursachenorientiert“ – nicht nur an Symptomen, sondern an den Momenten, in denen das Programm einmal gelernt hat: Gefahr. Dafür nutzt er Regressionen, Suggestionen, Metaphern – und vor allem Ressourcen. Sein Ansatz klingt dabei weniger nach Manipulation als nach Umlernen: „Wir gucken, welche Ressourcen braucht jemand, wo finden wir die, wie aktivieren wir die und wie fügen wir die ein an die Stelle, wo sie nötig ist.“

Der Punkt ist nicht, dass der Mensch „neu gemacht“ wird. Sondern dass er eine Fähigkeit zurückerhält: die innere Bewertung zu verändern, bevor sie den Körper übernimmt.

Glimmer statt Trigger: Sicherheitssignale in einer lauten Welt

Die Gegenwart ist reich an Triggern. Man muss das Wort nicht psychologisch aufladen, um zu begreifen, was damit gemeint ist: Nachrichten, Krisen, Konflikte, ein dauerndes Außen, das Aufmerksamkeit fordert. Das Problem daran ist nicht Information – das Problem ist Dauer. Wer ständig in Alarmnähe lebt, dessen Nervensystem verlernt, dass Entwarnung möglich ist.

Tewes setzt an dieser Stelle einen Begriff dagegen, der in der psychologischen Debatte in den letzten Jahren immer häufiger auftaucht: Glimmer. Trigger sind Warnsignale, Glimmer sind Sicherheitssignale. Sie „aktivieren das parasympathische Nervensystem“, sagt Tewes, also jenen Teil, der beruhigt, reguliert, verdaut – im wörtlichen Sinn. Glimmer sind nicht die großen Glücksmomente, die man fotografiert. Sie sind oft klein: ein Geruch, ein Blick, eine vertraute Stimme, ein Ritual. Und gerade deshalb sind sie politisch im Inneren: Sie behaupten, dass Sicherheit nicht erst nach der Krise beginnt, sondern mitten darin trainierbar ist.

Das klingt leicht, ist aber in Wahrheit eine Frage der Aufmerksamkeit. „Was ist denn das, was mir glimmert?“ – Tewes stellt die Frage wie eine Übung. Denn in vielen Biografien ist das Gegenteil automatisiert: Was bedroht mich? Was könnte schiefgehen? Worauf muss ich achten? Evolutionär sinnvoll, psychisch erschöpfend.

Sein Vorschlag ist nicht, die Welt schönzureden. Er warnt sogar ausdrücklich vor einem naiven Positivismus: kein „Friede, Freude, Eierkuchen“-Optimismus, der die Realität verleugnet. Stattdessen nennt er Akzeptanz einen Schlüssel. „Ich habe dabei gelernt, dass es Dinge gibt, die ich nicht verändern kann“, sagt er – und dass gerade diese Einsicht davor schützt, „durchzudrehen heutzutage“. Akzeptanz meint hier nicht Passivität, sondern eine Sortierung: Was liegt außerhalb meiner Kontrolle? Und was kann ich in meinem Einflussbereich gestalten – Beziehungen, Rituale, Momente, die das System beruhigen?

Das ist ein Gedanke, der in turbulenten Zeiten fast altmodisch wirkt: Resilienz nicht als heroische Härte, sondern als Fähigkeit, zwischen Welt und Selbst zu unterscheiden.

Hypnose „für die Westentasche“ – und ihre Grenze

Wenn Hypnose so alltagstauglich ist, warum ist sie nicht längst Mainstream? Tewes nennt zwei Gründe: erstens die Mythen, zweitens die fehlende Vorbereitung. Hypnose sei ein Werkzeug – „wie jedes andere auch“ – aber sie funktioniere nur, wenn Vertrauen entstehe. „Wie baue ich schnell eine gute Therapeuten-Klienten-Patienten-Verbindung auf?“, fragt er, und beantwortet es implizit mit dem, was in vielen Therapieformen gilt: Beziehung ist „die halbe Miete“. Nicht die Technik allein entscheidet, sondern das Set-up, das Mindset, die Erwartungshaltung.

Aus genau dieser Überlegung heraus hat Tewes eine App entwickelt: Hypnobox. Seine Idee dahinter wirkt zunächst wie Produktlogik, ist aber psychologisch begründet: Menschen sollen Selbsthypnose so nutzen können, dass sie nicht in Langeweile erstarrt. „Früher hieß es, du musst mindestens acht Wochen eine Suggestion hören“, sagt er. Er hielt das für einen Irrweg: Wenn Motivation sinkt, sinkt Wirkung. Also baute er ein modulares System: Bausteine, aus denen Nutzerinnen und Nutzer sich eigene Sessions zusammenstellen können – Einleitung, Vertiefung, Inhalte, Ausleitung, Musik; inzwischen, so Tewes, „über 700 Audio-Bausteine“. Hypnose als Baukasten.

Gleichzeitig insistiert er auf einer Grenze, die in dieser Debatte wichtig ist: „Eine App ist kein Therapieersatz.“ Bei größeren Themen – Angststörungen etwa – empfiehlt er die Kombination: therapeutische Arbeit für das Auflösen, die App fürs Feintuning und für Regelmäßigkeit. Ein Satz von ihm bleibt hängen, weil er so körperlich ist: Selbstfürsorge sei wie Zähneputzen – nicht „einmal im Monat“, sondern regelmäßig. Das klingt banal, ist aber wahrscheinlich der Kern: nicht die eine Sitzung, die alles ändert, sondern die Wiederholung, die das Nervensystem umlernen lässt.

Und vielleicht erklärt das auch, warum Hypnose trotz Studienlage und Erfahrungsberichten noch nicht denselben Platz hat wie andere Verfahren: Sie passt nicht gut in unsere Sehnsucht nach schneller Kontrolle. Sie verlangt etwas, das in einer überreizten Welt selten geworden ist: konzentrierte Entspannung.

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