Zum Inhalt springen

David Matei über Sicherheit, Freiheit und Verantwortung

Wofür noch?

David Matei über Sicherheit, Freiheit und Verantwortung
David Matei

Freiheit ist ein Wort, das in Deutschland oft klingt, als gehöre es in Sonntagsreden und Gedenkstunden. Ein großes Wort, gewiss. Aber auch eines, das seltsam blass geworden ist. Was bedeutet Freiheit für Menschen, die nie ohne sie leben mussten?

David Matei hat darauf keine abstrakte Antwort. Er erzählt von seinem Vater, der im kommunistischen Rumänien aufwuchs, dessen Familie verfolgt wurde und der sich als junger Mann mit einem defekten Schlauchboot über die Donau auf den Weg machte. Ein Nichtschwimmer auf der Flucht. „Ich habe nicht verstanden, was Freiheit ist“, sagt Matei, „aber ich habe den Wert verstanden, den mein Papa dieser Freiheit zugemessen hat.“

Vielleicht beginnt genau dort das Problem einer Gesellschaft, die sich an ihre eigenen Selbstverständlichkeiten gewöhnt hat. Wer nie erleben musste, dass Freiheit verschwindet, hält sie irgendwann für eine Art Grundausstattung des Lebens. Wie Strom aus der Steckdose. Wie Demokratie aus Berlin.

Das Land als Lieferservice

Deutschland, sagt Matei, sei gut darin, Fehler zu finden. Man könne das als nationale Begabung beschreiben, vielleicht auch als kulturelle Deformation. Die Deutschen sehen den Mangel oft schneller als das Gelungene: die kaputte Behörde, die überforderte Bahn, die langsame Digitalisierung, die dysfunktionale Bundeswehr.

Matei bestreitet die Probleme nicht. Aber er sucht nach einer anderen Haltung: einer „Pflicht zur Zuversicht“. Nicht als Beschönigung, sondern als Gegenmittel gegen eine Müdigkeit, die inzwischen selbstzufrieden geworden ist. Denn wer sein Land nur noch als Zumutung beschreibt, wird irgendwann unfähig, Verantwortung für dieses Land zu empfinden.

Ja, wir haben große Herausforderungen. Aber es gibt auch vieles, das gut funktioniert und für das wir dankbar sein können.

David Matei

Gerade darin liegt die Provokation seines Buches "Deutschland ist es wert". Es ist kein bloßes Bundeswehrbuch, obwohl Matei 15 Jahre Soldat war, zuletzt Hauptmann. Es ist der Versuch, eine beschädigte Beziehung zu reparieren: die Beziehung der Deutschen zu ihrem Gemeinwesen.

Patriotismus ist in Deutschland noch immer vermintes Gelände. Lokal geht vieles: München, Hamburg, Köln, Bayern, der Kiez, das Viertel. Aber Deutschland? Die Flagge? Stolz? Matei erzählt, wie Freunde irritiert reagierten, als auf Coverentwürfen seines Buches die Deutschlandflagge auftauchte. Für ihn ist diese Irritation erklärungsbedürftig. Er trug die Flagge 15 Jahre auf der Uniform. Er schwor, „das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“.

Und doch ringt auch er mit Worten wie Stolz. Lieber spricht er von Dankbarkeit. Vielleicht ist das der angemessenere Begriff für ein Land, das nach seiner Geschichte nicht unbefangen lieben kann, aber auch nicht dauerhaft in Distanz zu sich selbst leben sollte.

Verteidigung beginnt nicht an der Front

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich der Ton verändert. Die Bundeswehr, lange Gegenstand eines „freundlichen Desinteresses“, wird wieder ernster genommen. Matei beschreibt den Wandel als Weg hin zu einer „interessierten Freundlichkeit“. Junge Menschen stellten heute viele Fragen, auch harte: „Seid ihr nicht alle Nazis?“, „Seid ihr nicht kriegsgeil?“, „Ist bei euch nicht alles kaputt?“

Das klingt brutal, ist aber vielleicht ein Fortschritt. Denn Fragen bedeuten: Es gibt wieder ein Verhältnis. Ein unruhiges, skeptisches, oft schlecht informiertes, aber immerhin eines.

Matei weiß, dass Verteidigungsbereitschaft nicht durch Parolen entsteht. Sie entsteht durch Bilder, Erfahrungen, Gespräche. Durch die Einsicht, dass eine Armee in einer Demokratie keine fremde Macht ist, sondern Teil dieser Demokratie. Die Bundeswehr ist Parlamentsarmee. Sie wird nicht von Generälen in Kriege geschickt, sondern durch gewählte Abgeordnete mandatiert.

Trotzdem bleibt die entscheidende Frage unbequem: Wer soll dieses Land verteidigen, wenn es ernst wird? Viele befürworten eine starke Bundeswehr. Weniger wollen selbst Teil davon sein. Matei kennt diesen Widerspruch. Er selbst ging anfangs nicht aus staatsbürgerlicher Ergriffenheit zur Bundeswehr, sondern, wie er sagt, „wegen des Geldes“. Geblieben sei er „für die Demokratie, für die Werte dahinter“.

Das ist vielleicht der ehrlichste Satz in dieser Debatte. Niemand wird als Verfassungspatriot geboren. Bindung entsteht. Manchmal spät. Manchmal zufällig. Manchmal an einem heißen Tag in der Grundausbildung, wenn plötzlich nicht Drill erklärt wird, sondern Verantwortung.

Die Zumutung des Wir

Die neue sicherheitspolitische Realität stellt Deutschland vor eine Zumutung, die größer ist als die Frage nach Waffen, Drohnen oder Sondervermögen. Sie zwingt das Land, wieder „wir“ zu sagen.

Andere Länder können das leichter. In Finnland etwa ist Verteidigung Teil gesellschaftlicher Normalität. In Deutschland dagegen wird schon darüber gestritten, ob junge Menschen überhaupt einen Fragebogen zur Dienstbereitschaft bekommen dürfen. Es ist, als habe das Land jahrzehntelang gehofft, Sicherheit könne ausgelagert werden: an die USA, an die NATO, an Berufssoldaten, an irgendein System.

Doch Sicherheit, sagt Matei, sei „nicht mehr selbstverständlich“. Und dann folgt dieser Satz, der in seiner Schlichtheit fast altmodisch klingt: „Sicherheit ist nicht alles, aber alles ist irgendwie nichts ohne Sicherheit.“

Man muss diesen Satz nicht martialisch verstehen. Er ist gerade deshalb wichtig, weil er nicht vom Krieg her denkt, sondern vom Leben. Von Schulen, Theatern, Wahlen, Cafés, Familien, Büchern, Gesprächen. All das braucht eine Ordnung, die es schützt.

Am Ende geht es nicht darum, Deutschland lauter zu lieben. Es geht darum, dieses Land nicht länger nur als defekten Apparat zu betrachten, der funktionieren soll, ohne dass man selbst etwas hineinlegt. Demokratie ist kein Lieferservice. Freiheit auch nicht.

Podcast anhören: