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Elfie Donnelly über Geschichten, Sehnsucht und Unabhängigkeit

Wie Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg das Licht der Welt erblickten

Elfie Donnelly über Geschichten, Sehnsucht und Unabhängigkeit
Elfie Donnelly

Manche Geschichten altern nicht, weil sie nie modisch waren. Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg gehören zu ihnen. Sie sind nicht laut, nicht schnell, nicht perfekt poliert. Sie sind widerspenstig, warmherzig und von einer Gelassenheit, die man heute fast für subversiv halten könnte. Erfunden hat sie Elfie Donnelly – und wer ihr zuhört, versteht schnell, warum diese Figuren so tief verankert sind: Sie stammen aus einem Leben, das Brüche kennt, Übergänge, Unklarheiten. Und aus einer Haltung, die Kindern mehr zutraut, als ihnen heute oft zugemutet wird.

Donnelly spricht nicht wie jemand, der ein erfolgreiches Markenuniversum geschaffen hat. Sie spricht wie eine Autorin, die schreiben musste. Früh schon wurde das Erzählen für sie ein Zufluchtsort, ein Raum, in dem man sich von der eigenen Geschichte entfernen konnte, ohne sie zu verleugnen. „In eine andere Welt hineinzugehen“, sagt sie, „hat mich weggebracht von mir und von meiner Familiengeschichte.“ Vielleicht ist genau das der Grund, warum ihre Figuren nie pädagogisch wirken: Sie sind keine Konstruktionen, sondern Bewegungen – weg von Enge, hin zu Freiheit.

Als Benjamin Blümchen und später Bibi Blocksberg entstanden, war die Kinderkultur politischer, ohne sich so zu nennen. Die Nach-68er-Jahre hatten ein Grundgefühl hervorgebracht, das Donnelly rückblickend so beschreibt: nicht ideologisch, sondern sozial engagiert. „Das Herz ist links“, sagt sie. Es ging um Gerechtigkeit, um Autoritäten, die man infrage stellen darf, um das Recht, laut zu sein, auch wenn man klein ist.

Diese Haltung floss in ihre Geschichten ein, ohne dass sie je explizit gemacht wurde. Donnelly schrieb nicht „für Kinder“, sondern aus sich heraus – aus dem, was sie selbst amüsierte. Dadurch entstanden jene doppelten Böden, die Erwachsene später wiederfinden. Kinder, so Donnellys Überzeugung, nehmen sich ohnehin das, was sie brauchen. Den Rest heben sie auf.

Dass diese Haltung heute seltener geworden ist, beobachtet sie mit Skepsis. Vieles, sagt sie, sei verflacht, vorsichtiger, angstgetriebener. Wo früher Geschichten einfach erzählt wurden, werde heute gefragt, ob sie anecken. Kindgerecht heiße oft: konfliktfrei. Donnelly hält das für einen Irrtum.

Erfolg, der müde macht

Der Erfolg kam schnell – und er war ambivalent. Donnelly schrieb Dutzende Folgen, lachte beim Schreiben, hatte Freude an der Produktivität. Bis sie irgendwann merkte, dass das Lachen verschwand. „Das Thema hatten wir schon“, dachte sie – und wusste, dass etwas zu Ende ging. Die Erschöpfung war nicht nur kreativ, sie war existenziell. Angst- und Panikattacken folgten, Jahre später erst verband sie sie mit unverarbeiteten Erfahrungen aus der eigenen Kindheit und den Traumata vorheriger Generationen.

Donnelly zog sich zurück, machte Pause, ließ andere weiterschreiben. Nicht aus Ablehnung, sondern aus Notwendigkeit. Schreiben, das merkt man bei ihr, ist kein Beruf, sondern ein Zustand. Wenn er kippt, kippt alles.

Die eigene Stimme verteidigen

Heute spricht Donnelly viel über Zweifel. Über Selbstkritik, über das Vergleichen mit anderen, über eine Branche, die sich verändert hat. Besonders deutlich wird sie, wenn es um Künstliche Intelligenz geht. Sie beschreibt die Verlockung, sich Texte vorschlagen zu lassen – und den Schock, wie gut sie manchmal sind. „Das bringt einen dazu, die eigene Sprache zu vergessen“, sagt sie. Für Donnelly liegt hier eine Grenze: Recherche ja, Delegation des Herzens nein.

Schreiben ist für mich etwas zutiefst Menschliches – wenn man das delegiert, verliert man etwas Entscheidendes.

Elfie Donnelly

Trotzdem arbeitet sie weiter. Nicht aus Pflicht, sondern aus innerem Drang. Kreativität, sagt sie, höre nicht auf – außer man höre selbst auf zu leben. Dass dabei Projekte liegen bleiben, Bücher nicht erscheinen, Stoffe nicht verfilmt werden, empfindet sie als schade, aber nicht als Niederlage. Entscheidend ist etwas anderes: die eigene Stimme nicht zu verlieren.

Im Gespräch mit Elfie Donnelly wird deutlich, wie sehr ihr Werk von genau dieser Haltung getragen ist. Von einer leisen Anarchie, die nicht zerstören will, sondern öffnet. Vielleicht erklärt das, warum ihre Geschichten noch immer wirken: Sie wollen nicht erziehen. Sie wollen Raum schaffen.

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