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Eva Asselmann über Überforderung, Reizflut und Selbststeuerung

Warum wir in einer beschleunigten Welt Halt verlieren

Eva Asselmann über Überforderung, Reizflut und Selbststeuerung
Prof. Dr. Eva Asselmann

Es ist längst ein vertrauter Satz geworden: „Ich bin gerade total gestresst.“ Er fällt in Büros, in Küchen, in Sprachnachrichten – oft wie eine Entschuldigung für die eigene Abwesenheit. Und doch ist er mehr als eine Redewendung. Denn das Gefühl, nicht hinterherzukommen, hat sich in den letzten Jahren verdichtet: als permanentes Grundrauschen aus E-Mails, Push-Nachrichten, Krisen-News, Vergleichsbildern und der nagenden Idee, man müsse auf alles reagieren – sofort, kompetent, am besten perfekt. „Wir finden“, sagt die Psychologin Prof. Dr. Eva Asselmann, „dass sich in den letzten Jahren, Jahrzehnten das Stressempfinden von Menschen immer mehr zugespitzt hat.“ Nicht nur, weil heute offener über mentale Belastung gesprochen wird. Sondern auch, weil sich objektiv etwas verändert hat: Tempo, Reizdichte, Komplexität.

Asselmann beschreibt eine Gegenwart, in der der Alltag nicht mehr aus Aufgaben besteht, sondern aus Unterbrechungen. Ein Leben, das nicht linear verläuft, sondern in Schleifen, Sprüngen, Tabs. Die Technologie, die Zeit sparen sollte, frisst sie auf. Und sie verändert nicht nur, wie wir arbeiten, sondern auch, wie wir die Welt wahrnehmen. Wer ständig auf Bildschirme schaut, sieht immer alles – und spürt zugleich immer weniger. Informationen werden abstrakt, Gefühle bleiben diffus, Orientierung wird anstrengend. „Wir nehmen ja alles wahr über die Medien“, sagt Asselmann, „also über Kanäle und nicht wirklich selbst.“ Das Leben wird „künstlicher“, artifizieller – und damit paradoxerweise schwerer zu bewohnen.

Die Welt im Dauerfeuer

Ein Teil der Überforderung ist schlicht eine Frage der Menge: Social Media, permanente Erreichbarkeit, der Strom aus Bildern, Meinungen, Eilmeldungen. Asselmann spricht von „Reizüberflutung“, die sich mit den technischen Möglichkeiten „immer weiter beschleunigt“ habe. Man bekommt mehr mit – auch mehr Negatives. Und weil Schlechtes in Nachrichten stärker wirkt als Gutes, entsteht leicht der Eindruck, die Welt sei im freien Fall. Stress wird dann nicht nur ein Gefühl, sondern eine Haltung: immer schon alarmiert, immer schon zu spät.

Hinzu kommt die Erfahrung, dass der Einzelne zwar viel wahrnimmt, aber wenig bewirken kann. Das kann, psychologisch betrachtet, gefährlich werden. Denn wenn Menschen dauerhaft glauben, ihr Handeln habe keinen Effekt, entsteht ein Zustand, den die Forschung „erlernte Hilflosigkeit“ nennt. Asselmann warnt: „Wenn Menschen längerfristig dieses Gefühl haben, das bringt nichts, dann stellt sich ein Zustand ein … wir denken uns irgendwann, das bringt nichts, ich stehe jetzt auch nicht mehr auf.“ Rückzug wird zur plausiblen Reaktion – und kann sich gesellschaftlich verstärken, wie eine Kettenreaktion.

Dort, wo Unsicherheit wächst, wächst oft auch die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Asselmann ordnet das nüchtern ein: In komplexen Zeiten, in denen vieles unübersichtlich erscheint, gewinnen Weltbilder an Attraktivität, die Klarheit versprechen – „Schwarz, weiß, gut und böse, wir gegen die“. Populismus sei auch eine Antwort auf das diffuse Gefühl, „weggedrängt“ zu werden, den eigenen Platz zu verlieren. Und ja: In Zeiten der Verunsicherung suchen Menschen häufiger „nach einer starken Hand“, die führt. Wer mit Ambivalenz schlechter umgehen kann, ist anfälliger für die Verlockung der Eindeutigkeit.

Die Selbstoptimierung als Erschöpfungsmaschine

Aber Stress entsteht nicht nur aus der Weltlage. Er entsteht auch im Spiegel. Denn parallel zur äußeren Unruhe hat sich eine innere Erwartungslogik etabliert: Der Druck, aus den unzähligen Möglichkeiten die richtigen zu wählen – Beruf, Beziehung, Lebensstil, Körper, Haltung. Freiheit ist ein Versprechen. Doch sie hat einen Preis. „Wir haben mehr Freiheit, mehr Wahlmöglichkeiten“, sagt Asselmann. „Das bedeutet aber auch mehr Druck, denn niemand möchte sich falsch entscheiden.“ Entscheidungen werden zur Dauerbaustelle; nach der Wahl beginnt das Grübeln: War das jetzt richtig? Und dahinter lauert die größere Frage: Wer bin ich – und wo gehöre ich hin?

Social Media verschärft diese Dynamik, weil es nicht nur Optionen zeigt, sondern Ideale. Asselmann nennt die Gegenwart eine „Selbstoptimierungsgesellschaft“ mit „immensem Leistungsdruck“. Man weiß, dass viele Bilder bearbeitet sind, dass das Dauerlächeln nicht die Realität ist – und dennoch wirkt es. „Wir wissen zwar, dass das unrealistisch ist“, sagt sie, „aber trotzdem … nehmen wir das emotional für bare Münze und haben dann oft das Gefühl, ich selbst reiche irgendwie nicht aus.“ Der Vergleich ist nicht rational, sondern körperlich. Er setzt sich fest, auch wenn man ihn durchschaut.

Dabei ist die Pointe dieser Entwicklung bitter: Je erschöpfter Menschen sind, desto schlechter gelingt Selbststeuerung. Gerade abends, wenn der Akku leer ist, ist Disziplin am schwierigsten – und genau dann lockt das Smartphone mit der schnellsten Belohnung. Asselmann erklärt, warum das so gut funktioniert: Social Media arbeitet mit „intermittierender Verstärkung“ – mal kommt eine Nachricht, mal nicht. Diese Unregelmäßigkeit hält Menschen „in the loop“. Es nutzt sich kaum ab. Und wer müde ist, wird anfälliger: weniger Energie, weniger Widerstand, mehr Scrollen, späteres Einschlafen, noch mehr Müdigkeit am nächsten Tag.

Zurück in den Körper, zurück ins Jetzt

Asselmann klingt in ihrem Buch "Too much" nicht wie eine Kulturpessimistin, eher wie eine Wissenschaftlerin, die ernst nimmt, dass Menschen in einer Umwelt leben, für die sie evolutionär nicht gebaut sind. „Unser Körper ist … gar nicht drauf ausgelegt“, sagt sie über die digitale Dauerreizung. Aber das sei kein Schicksal. „Das ist ja das Schöne am Menschen, dass wir bewusst planen, denken und handeln können.“ Der erste Schritt sei die Beobachtung: Wie oft greift man reflexhaft zum Handy, ohne Anlass? Wann kippt Ruhe in Unruhe? Welche Muster wiederholen sich?

Viele Menschen greifen reflexhaft zum Smartphone, ohne überhaupt zu merken, dass sie es tun

Prof. Dr. Eva Asselmann

Ihre Empfehlungen sind bewusst klein, fast unspektakulär – gerade deshalb wirkungsvoll. „Es lohnt sich erstmal klein anzufangen, anstatt alles umkrempeln zu wollen.“ Sie schlägt vor, sich im Tag immer wieder zu „grounden“: den Boden unter den Füßen spüren, den Stoff auf der Haut, die Geräusche im Raum – kurz: den Fokus vom Kopf zurück in den Moment holen. Nicht, um die Welt auszublenden, sondern um wieder handlungsfähig zu werden. „Was ist denn der nächste kleine Schritt, den ich hier und jetzt gehen kann, unabhängig von dem, was da draußen passiert?“

Und dann sind da die Beziehungen – nicht als Wohlfühlfloskel, sondern als empirische Ressource. „Soziale Beziehungen sind unheimlich kraftspendend“, sagt Asselmann. Gerade in Krisenzeiten. Nicht über Chats, sondern „real am allerbesten ohne Smartphone“. Wer sich dabei traut, nicht immer zu funktionieren, sondern offen zu sprechen, kann die Spirale aus innerem Druck und äußerem Lärm unterbrechen. Wichtig sei, sich dafür Menschen zu suchen, die es „halten“ können: einfühlsam, präsent, nicht abwehrend.

Im Kern ist "Too much" ein Buch gegen den Irrtum, dass Überforderung ein persönliches Versagen sei. Asselmann deutet sie als Symptom einer beschleunigten Welt – und in der neue Kompetenzen nötig werden: Selbstregulation, digitale Hygiene, Beziehungsarbeit, der Mut zur Begrenzung. Nicht als Rückzug, sondern als Schutzraum, in dem wieder etwas wachsen kann: Konzentration, Widerstandskraft, Orientierung.

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