Sie ist eine der jüngsten Überlebenden von Auschwitz, und sie schweigt nicht. Dr. Eva Umlauf, 1942 im slowakischen Nováky geboren, als Kleinkind nach Auschwitz deportiert, später Kinderpsychotherapeutin in München, hat mit 83 Jahren ein neues Buch geschrieben. „Genau so fängt es an" heißt es – und der Titel ist kein historischer Rückblick, sondern eine Warnung an die Gegenwart. Umlauf beschreibt darin, was sie beobachtet: Muster, die sie kennt. Nicht die Gaskammern, wie sie selbst betont, „aber trotzdem schon sehr unerfreulich". Es ist ein Satz, der in seiner Zurückhaltung mehr sagt als jeder Alarmismus.
Dass das Buch gerade jetzt erscheint, in einer Zeit, in der die AfD in Umfragen mit der Union gleichzieht, in der ein amerikanischer Präsident einer ganzen Zivilisation mit Vernichtung droht und europäische Demokratien von innen erodieren, verleiht ihm eine Dringlichkeit, die über den persönlichen Appell hinausgeht. Es reiht sich ein in eine wachsende Literatur des Unbehagens – geschrieben von Menschen, die aus eigener Erfahrung wissen, wohin politische Verwahrlosung führen kann.
Die Sprache der Macht und die Macht der Sprache
Hannah Arendt hat von der Abstraktion des Menschen gesprochen, von jener sprachlichen Entmenschlichung, die der physischen Gewalt vorausgeht. Man muss nicht lange suchen, um diese Mechanismen in der Gegenwart wiederzufinden. Donald Trump droht, straft, widerruft – in einer Sprache, die Umlauf als die eines Drei- oder Vierjährigen beschreibt: „Nur gut und böse und wir werden sie bestrafen." Es ist eine Sprache ohne Diplomatie, ohne Differenzierung, ohne jede Spur von dem, was man einmal präsidial nannte.
Was Umlauf dabei besonders beunruhigt, ist nicht allein die Primitivität dieser Rhetorik, sondern die Lähmung, die sie erzeugt. Menschen schweigen, nicht weil sie einverstanden wären, sondern weil sie Angst haben – vor der Macht, vor den Ausbrüchen, vor der Unberechenbarkeit. „Man weiß nicht, womit man rechnen kann", sagt sie. Es sei weniger Abstumpfung als vielmehr Resignation: Man hält die Verhältnisse für unveränderbar und zieht sich zurück. Genau darin liegt die Gefahr. Demokratien sterben nicht mit einem Knall. Sie sterben leise, Schritt für Schritt, in der wachsenden Gleichgültigkeit derer, die sie tragen sollten.
Es fängt nicht an, es geht weiter so. Und es ist schon sehr zu ähnlich unserer Geschichte in der Vergangenheit.
Dr. Eva Umlauf
Das gilt nicht nur für die Vereinigten Staaten. Umlauf blickt auf Europa und sieht ein Muster der Zersetzung: Orbán in Ungarn, Fico in der Slowakei – ihrer alten Heimat –, erstarkende Rechte in Italien und Frankreich. „Wenn jemand fragt, wie kannst du noch in Deutschland leben, dann sage ich: Bräuchte ich einen guten Rat, wohin?" Eine Frage, die die ganze Tragik einer europäischen Gegenwart auf den Punkt bringt, in der das Demokratische nirgends mehr selbstverständlich ist.
Das Schweigen in den Familien
Umlauf, die Jahrzehnte als Psychotherapeutin und Kinderärztin gearbeitet hat, kennt die Verwundungen, die politische Gewalt hinterlässt – auf allen Seiten. Transgenerationale Traumata, jene unsichtbare Weitergabe von Schmerz, Schuld und Schweigen über die Generationen hinweg, beschäftigen sie bis heute. In den Täterfamilien, sagt sie, wurde vor allem geschwiegen. „Und dieses Schweigen war wie ein Geschwür, das sich mit Eiter gefüllt hat."
Die Psychotherapie, so Umlauf, sei im Kern Redeheilung: das Aussprechen dessen, was durch Kopf und Herz geht. Es gebe keine Wunderpille, keinen Moment, in dem der Schmerz einfach verschwinde. Aber es gebe den Prozess des Verstehens – sich selbst verstehen, die eigene Geschichte annehmen als Teil des Daseins. „Man kann Auschwitz nicht ungeschehen machen, aber ich kann das annehmen, als Teil meines Lebens, und versuchen, damit zu leben."
Sie selbst trägt die Spuren von Auschwitz körperlich in sich, auch wenn sie keine bewussten Erinnerungen an das Lager hat. Dass ihr immer kalt ist, seit damals – es sind Dinge, die tief sitzen, jenseits der bewussten Erinnerung. Dass sie überlebt hat, erklärt sie sich mit Glück: Der Transport nach Auschwitz hatte sich um drei Tage verspätet, die Gaskammern waren bereits gesprengt. „Warum das war, weiß man nicht."
Was sie umtreibt, ist die Frage, ob die Gesellschaft aus diesen Traumata lernen kann – oder ob sie im Gegenteil weiterwirken, unbearbeitet, in Aggression und Hass. Die Wurzeln der Menschenfeindlichkeit, so Umlauf, seien im Kern primitive Gefühle: Angst, Neid, der Wunsch nach Überlegenheit. „Dieses Reinrassige und dieses Übermenschliche – da kann man auf die anderen von oben schauen und sagen, das ist Ungeziefer." Die Entmenschlichung des Anderen sei der erste Schritt auf einem Weg, dessen Ende sie kennt.
Kleine Schritte, keine Resignation
Trotz allem: Eva Umlauf macht weiter. Sie geht in Schulen, spricht mit Jugendlichen, liest vor, klärt auf. Die Lehrer, die sie einladen, machten ihr Hoffnung, sagt sie – weil sie die jungen Menschen jeden Tag vor sich haben. „Schritt für Schritt, man schleppt sich wie eine Schnecke nach vorne." Es ist kein naiver Optimismus, den sie da formuliert, eher eine pragmatische Entschlossenheit: Wenn jede und jeder tut, was möglich ist, dann addiert sich das. Wenn nicht, „dann gehören wir der Katz, wie man sagt".
Sie fordert dabei durchaus Konsequenz – etwa ein Verbotsverfahren gegen die AfD. Man müsse es zumindest versuchen, sagt sie, statt nur zuzusehen, wie die Zahlen steigen. Und sie kritisiert jene in der demokratischen Mitte, die rechte Themen übernehmen in der Hoffnung, verlorene Wähler zurückzugewinnen. Es sei, vermutet sie, vielleicht nicht nur Taktik, sondern stille Vorbereitung auf eine mögliche Koalition. „Und wenn die in der Regierung sind, dann können wir uns an den Haaren raufen."
Dass „Genau so fängt es an" gerade jetzt so viel Aufmerksamkeit bekommt, freut Umlauf. Die Zeit sei reif gewesen für dieses Buch, sagt sie, es sei im richtigen Moment gekommen. Es ist ein schmales Buch, kein Wälzer, leicht zu lesen und gerade deshalb wirkungsvoll. Es kommt ohne akademischen Ballast aus, dafür mit der Autorität einer Frau, die weiß, wovon sie spricht – nicht aus Büchern, sondern aus dem eigenen Leben.