Es gibt Sätze, die in ihrer Schlichtheit eine ganze Lebensgeschichte tragen. „Weil ich finde, dass ich mit meinem ganzen Leben und mit der Vergangenheit eine ganz andere Aufgabe hier habe“, sagt Dr. Eva Umlauf, als sie gefragt wird, warum sie mit 83 Jahren nicht längst Pralinen essend im Bett liegt und Filme schaut. Stattdessen sitzt sie auf einem Podium beim 48forward Festival in München, spricht vor jungen Menschen, reist durch das Land, schreibt Briefe an Politiker – und kämpft. Kämpft dafür, dass sich Geschichte nicht wiederholt.
Dr. Eva Umlauf ist eine der jüngsten Überlebenden von Auschwitz. Als sie mit knapp zwei Jahren in das Vernichtungslager deportiert wurde, tätowierte man ihr die Häftlingsnummer in den Unterarm. Ein Prager Kinderarzt, selbst Häftling, sagte ihrer Mutter: „Vergessen Sie das Kind, das überlebt es nicht.“ Doch sie überlebte. Gegen alle medizinischen Prognosen, gegen alle Wahrscheinlichkeit. Heute ist sie Kinderärztin, Psychotherapeutin – und Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees.
Die Verantwortung der Erinnerung
Umlauf spricht nicht als Zeitzeugin im musealen Sinne. Sie spricht als jemand, der zwei Diktaturen erlebt hat – die braune und die rote. Ihre Perspektive ist die einer Frau, die weiß, wie schnell demokratische Ordnungen erodieren können, wie unmerklich der Weg in die Unfreiheit beginnt. „Ich habe diesen jungen Menschen einfach etwas zu sagen.“, erklärt sie ihre Motivation, „Wenn ich mir die Wahlergebnisse anschaue, dass so viel und so viel Prozent junger Menschen, sogar in Bayern, im konservativen Bayern, doch die nicht-demokratische Partei wählen, dann frage ich mich, warum die das tun.“
Diese Frage treibt sie um. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, nicht belehrend, sondern aus einem tiefen Bedürfnis heraus, zu verstehen und zu vermitteln. Was sie in Schulen, bei Lesungen, in Gesprächen mit jungen Menschen weitergibt, ist keine abstrakte Geschichtsstunde. Es ist die konkrete Erfahrung, wie es sich anfühlt, in einer Diktatur zu leben. Wie es ist, wenn Grundrechte Stück für Stück abgebaut werden. Wie schnell aus Worten Taten werden.
Anfang des Jahres schrieb Umlauf einen offenen Brief an Friedrich Merz, der in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde. „Tun Sie es nicht, Herr Merz“, begann sie darin. „Unterschätzen Sie die Rechtsextremen nicht.“ Der Brief war eine eindringliche Warnung vor der Erosion der demokratischen Brandmauer. „Genau so fängt es an“, schrieb sie. „So normalisieren wir die Feinde unserer Demokratie.“ Eine Antwort von Merz erhielt sie nie. „Er hat keine Zeit“, kommentiert sie nüchtern. „Damals war er noch nicht Kanzler.“
Gegen das Gefühl der Machtlosigkeit
Was in Eva Umlaufs Biografie beeindruckt, ist nicht nur das Überleben selbst, sondern die Art, wie sie daraus eine Haltung entwickelt hat. Als Psychotherapeutin hat sie sich professionell mit den seelischen Spuren von Gewalt, Verlust und Entmenschlichung auseinandergesetzt. Als Holocaust-Überlebende trägt sie diese Spuren selbst in sich. Diese doppelte Perspektive – die persönliche und die professionelle – macht ihre Stimme so wertvoll.
Besonders deutlich wird das, wenn sie über Machtlosigkeit spricht. Ihre Mutter, so erzählt Umlauf, habe sich im Lager dieser Machtlosigkeit nie hingegeben. „Für die war das einfach nicht möglich, dass wir nicht überleben. Und das hat sie uns gegeben.“ Diese Weigerung, sich dem scheinbar Unvermeidlichen zu fügen, zieht sich durch Umlaufs Leben. „Ich kann nicht mehr, das ist zu einfach“, sagt sie. „Man kann immer, ja, auch wenn nicht so viel wie vor 20 Jahren, bestimmt nicht. Aber das muss man der Situation einfach anpassen und machen, was man kann.“
Es ist diese Haltung, die Umlauf weitergeben will. In einer Zeit, in der viele Menschen – konfrontiert mit den Nachrichten über Trump, Putin, den Rechtsruck in Europa – ein Gefühl von Ohnmacht beschleicht, insistiert sie auf der Handlungsfähigkeit jedes Einzelnen. „Jeder von uns kann etwas machen“, betont sie. Und fügt hinzu: „Alles einfach hinschmeißen und, wie ich schon sagte, Pralinen essen und im Bett liegen, das wird nichts nutzen.“
Die Aufgabe der nächsten Generation
Dabei ist Umlauf realistisch genug, die Grenzen ihrer Wirkung zu sehen. „Ich muss sagen, dass ich den Kindern wirklich etwas gebe“, sagt sie über ihre Schulbesuche. Dann hält sie inne: „Aber die Statistiken, die geben mir nicht recht, weil es wächst. Es ist nicht, nie wieder. Es ist schon wieder, dass Rassismus wächst, dass Antisemitismus wächst.“ Die Zahlen der AfD – bundesweit mittlerweile bei rund 30 Prozent – bereiten ihr Sorge. Dennoch: „Trotzdem ist es in unserer Macht, zu kämpfen und zu sagen, ich kann nicht viel machen, aber ich kann machen.“
An die jungen Menschen richtet sie einen klaren Appell: „Die sollen mit offenen Augen durch die Welt gehen. Die sollen Geschichte lernen. Die sollen nachdenken, wie man lebt in einem Land mit einem Diktator als Chef.“ Bildung ist für sie der Schlüssel – nicht als abstrakter Wert, sondern als konkrete Fähigkeit zum kritischen Denken. „Sie sollen natürlich viel lesen, viel lernen und wirklich versuchen, mit der Bildung den Verstand zu bekommen.“
Es geht ihr dabei nicht um parteipolitische Positionierung, sondern um demokratische Grundhaltung. Um die Fähigkeit, zu erkennen, wenn Populisten „Schauermärchen“ erzählen, wie sie es formuliert – die gleichen Schauermärchen, „die die Rechten heute erzählen, die gleichen wie damals.“ Und um die Verantwortung, die sich daraus ergibt: nicht wegzuschauen, nicht zu schweigen, nicht gleichgültig zu werden.
Das Gespräch mit Eva Umlauf fand im Rahmen des 48forward Festivals in der Alten Kongresshalle in München statt. Moderiert wurde es von Magdalena Rogl. Im März erscheint Umlaufs neues Buch „Genau so fängt es an“ – ein Titel, der zugleich Warnung und Handlungsaufruf ist. Ein „kleines Büchlein“, wie Umlauf selbst sagt, das sich schnell lesen lasse. Aber eines, dessen Botschaft man nicht vergessen sollte: Niemand von uns ist machtlos. Und „nie wieder“ muss mehr sein als eine Phrase – es muss ein Versprechen sein. Eines, das auch heute gilt. Und morgen. Und für immer.