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Fredy Gareis über Freiheit, Autorität und den neuen Eisernen Vorhang

Der lange Schatten der Ordnung

Fredy Gareis über Freiheit, Autorität und den neuen Eisernen Vorhang
Fredy Gareis

Autoritäre Systeme kommen selten mit Pauken und Trompeten. Sie schleichen sich an, in kleinen Verschiebungen, die jeweils für sich harmlos wirken. „Man rationalisiert sich das ja immer ein Stück hin“, sagt Fredy Gareis. „Jetzt schauen wir erstmal, so schlimm wird es ja nicht werden.“ Wer mittendrin ist, sieht nur den nächsten Schritt – nicht das Muster.

Diese Beobachtung zieht sich wie ein roter Faden durch Gareis’ Buch "Als ich gegen Stalin im Armdrücken" gewann. Der Titel klingt verspielt, fast anekdotisch. Doch das Buch ist eine ernste Vermessung Europas entlang eines neuen Eisernen Vorhangs: von Finnland und dem Baltikum bis hinunter nach Ungarn und in die Türkei. Gareis reist durch Länder, die näher an Russland liegen – geografisch, historisch, mental – und stellt eine unbequeme Frage: Haben wir im Westen verlernt zu erkennen, wie autoritäre Macht funktioniert, weil wir sie immer noch mit den Bildern von gestern verwechseln?

Autoritarismus, so beschreibt es Gareis, ist selten der plötzliche Umsturz. Er sei eher ein Prozess, in dem „sich die Schlinge immer weiter zuzieht“. Die eigentliche Raffinesse liege in den „kleinen Schritten“, die jeweils für sich überschaubar wirken – und gerade deshalb akzeptiert werden. „Wenn du halt mittendrin bist, siehst du auch nur diesen kleinen Schritt“, sagt Gareis, „und es fällt dir schwer, das große Ganze zu sehen.“ Wer Muster erkennt, muss also lernen, nicht nur auf das Ereignis zu starren, sondern auf die Logik, die es vorbereitet.

Europa, aber nicht als graue Fläche

Wer in Westeuropa von „Osteuropa“ spricht, meint oft alles und nichts zugleich. Eine graue Fläche, ein diffuser Raum zwischen Sowjetnostalgie und postsowjetischer Tristesse. Gareis’ Reise erzählt eine andere Geschichte: von radikaler Vielfalt, von widersprüchlichen Identitäten, von Gesellschaften, die durch Erfahrung geformt sind.

„Unsere Verbündeten sind für viele hier immer noch Westeuropa“, sagt Gareis. Frankreich, Italien, vielleicht noch Spanien. Doch Litauen? Estland? Finnland? Dabei seien es gerade diese Länder, die eine unmittelbare Erinnerung an Fremdherrschaft, Deportation und kulturelle Auslöschung haben. Erfahrungen, die politisches Bewusstsein prägen. „Sie wissen sehr genau, was auf dem Spiel steht“, sagt Gareis.

In Finnland, wo Bibliotheken gebaut werden, während anderswo Kultur gekürzt wird, begegnet ihm ein Staatsverständnis, das auf Vertrauen und Vorbereitung setzt. Gareis beschreibt die Stadtbibliothek Oodi in Helsinki als einen Ort, an dem Demokratie konkret wird: Tonstudios, Werkstätten, 3D-Drucker, offene Räume. „Wir können uns nicht leisten, auch nur einen Menschen links liegen zu lassen“, habe ihm dort jemand gesagt. Bildung als Sicherheitsarchitektur.

Europa ist ein Erfolgsprojekt, auch wenn es Probleme hat – das wird in vielen Ländern viel klarer gesehen als bei uns.

Fredy Gareis

Diese Haltung hat Konsequenzen. Während in Deutschland militärische Vorbereitung schnell als Kriegsrhetorik gilt, gehört sie in Finnland zum gesellschaftlichen Selbstverständnis. „Selbstvertrauen kommt davon, dass du weißt, was du tust“, sagt Gareis. Nicht aus Lust am Kampf, sondern aus dem Bewusstsein der eigenen Verwundbarkeit.

Sehnsucht nach der harten Hand

Doch die Reise führt nicht nur durch resiliente Demokratien. Gareis trifft auch Menschen, die die alte Ordnung vermissen. Nicht selten aus Enttäuschung über eine Freiheit, die sich auf Konsum reduziert hat. Besonders verstörend ist für ihn die Begegnung mit einem slowakischen Opernkomponisten, der physisch nach Russland fliehen wollte – aus Sehnsucht nach einer „reinen“, geordneten Kultur.

„Das ist eine Politik der Ewigkeit“, sagt Gareis über diese Denkweise. Ein Versprechen auf ein Paradies hinter der nächsten Kurve, das nie erreicht wird. Stalin werde dabei zur Metapher: nicht als historische Figur, sondern als Chiffre für Ordnung, Kontrolle, Klarheit. Dass solche Fantasien bis in westliche Gesellschaften hineinwirken, macht sie gefährlich.

Auch entlang ethnischer Linien zeigen sich die Brüche. Russischsprachige Minderheiten im Baltikum oder in Finnland geraten unter Generalverdacht. „Du bist auf einmal Teil eines alten Spiels“, sagt Gareis. Loyalitätsfragen werden neu gestellt, rote Linien verschieben sich. Gedanken an Flucht, die man überwunden glaubte, kehren zurück.

Ungarn erscheint in diesem Panorama als Warnsignal. Ein Land, das einst den Eisernen Vorhang durchschnitten hat – und heute von einem Regierungschef geprägt wird, der systematisch Medien kontrolliert und Nähe zu Moskau sucht. „Man darf nicht in die Falle des Rationalisierens tappen“, sagt Gareis. „Der Mann zeigt dir, wer er ist.“

Am Ende bleibt die Frage, die Gareis seinem Buch eingeschrieben hat: Was machen wir mit unserer Freiheit – solange wir sie noch haben? Ist sie nur dafür da, zu konsumieren? Oder verlangt sie nach Haltung, nach Wissen, nach Vorbereitung?

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