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Fury in the Slaughterhouse über Empathie, Zusammenhalt und Musik

Die Rückkehr des Wir

Fury in the Slaughterhouse über Empathie, Zusammenhalt und Musik
Christof Stein-Schneider und Kai Wingenfelder

Es gibt Bands, die altern mit ihrem Publikum. Und es gibt Bands, die mit ihm älter werden, ohne sich darin einzurichten. Fury in the Slaughterhouse gehören zu dieser zweiten, selteneren Sorte. Fast vier Jahrzehnte nach ihrer Gründung ist an dieser Band bemerkenswert, dass sie nicht wie ein nostalgisches Denkmal wirkt, sondern wie ein alter Übungsraum, in dem noch immer Strom auf den Verstärkern liegt.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Pop und Rock sind gnadenlose Gedächtnisräume. Sie konservieren nicht nur Lieder, sondern auch Lebensgefühle, erste Küsse, Trennungen, Beerdigungen, Autofahrten, die große jugendliche Ahnung, dass irgendwo da draußen ein anderes Leben wartet. Wer lange genug Musik macht, wird irgendwann Teil fremder Biografien. Die Frage ist dann nur: Wird man zum Souvenir? Oder bleibt man Gegenwart?

Bei Fury in the Slaughterhouse scheint genau darin die eigentliche Spannung zu liegen. Die Band muss nicht mehr beweisen, dass sie Fury ist. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum sie es wieder sein kann.

Sich treu bleiben ist keine Nostalgie

Christof Stein-Schneider beschreibt diese späte Phase der Band als eine Art Zugabe. „Vierzig Jahre Üben machen sich halt auch bemerkbar“, sagt er. Man spürt in diesem Satz nicht nur Ironie, sondern auch Entlastung. Früher wäre ein Auftritt am Morgen, live im Fernsehen, wahrscheinlich ein Anlass für Nervosität gewesen. Heute ist er Teil eines Handwerks, das man kennt.

Kai Wingenfelder formuliert es ähnlich: Nach dem Erfolg des letzten Albums, das Platz eins erreichte, sei eine neue Gelassenheit eingekehrt. Weiter nach oben gehe es kaum, also könne man sich auf das konzentrieren, „was uns am meisten Spaß macht: Spaß haben und Musik machen“.

Das klingt schlicht, ist aber vielleicht die schwierigste Übung im Popgeschäft: nicht mehr getrieben zu sein von der Angst, sich neu erfinden zu müssen. Fury in the Slaughterhouse haben, sagt Wingenfelder, nie das Bedürfnis gehabt, sich radikal umzukrempeln. Sie seien eine Gitarrenband, eine Rockband, und das sei auch gut so. Die eigene Handschrift sei kein Problem, sondern das Kapital der Band.

Stein-Schneider erinnert an eine Phase, in der ihnen nahegelegt wurde, moderner zu klingen, weniger nach Fury. Es sei, sagt er, eine schlechte Abbiegung gewesen. Man habe damals genau das mit Füßen getreten, was eigentlich das Eigene war. Vielleicht ist das eine Erkenntnis, die erst spät möglich wird: Dass Relevanz nicht daraus entsteht, jeder Gegenwart hinterherzulaufen. Sondern daraus, lange genug bei sich zu bleiben, bis die Gegenwart einen wieder einholt.

Die Band als Gegenmodell zur Vereinzelung

Dass heute auch junge Menschen bei Fury-Konzerten stehen, erklären die Musiker nicht mit Strategie. Es sei Zufall gewesen, sagt Wingenfelder. Viele seien mit der Musik der Eltern groß geworden. Aus den Kindern der ersten Fury-Generation sei längst die nächste Generation entstanden.

Doch dahinter liegt mehr als Vererbung von Musikgeschmack. Wingenfelder beobachtet eine neue Sehnsucht nach Bands: nach Menschen, die gemeinsam auf einer Bühne stehen, miteinander streiten, lachen, scheitern, weitermachen. In einer Gegenwart, in der das Smartphone oft das letzte Lagerfeuer ersetzt hat, wirkt eine Band plötzlich wieder wie ein soziales Versprechen.

Das ist vielleicht der interessanteste Gedanke dieses Gesprächs: Fury in the Slaughterhouse erzählen, ohne es pathetisch auszustellen, von einem verlorenen Wir. Von der Möglichkeit, dass Gemeinschaft nicht abstrakt sein muss. Sie kann aus fünf Männern bestehen, die sich zeitweise nicht mehr riechen konnten, eine Pause machten, sich wiederfanden – und feststellten, dass sie zusammen nach etwas klingen, das keiner von ihnen allein herstellen kann.

Die Trennung 2008 war deshalb offenbar kein Scheitern, sondern eine Voraussetzung. Jeder habe einmal „seinen eigenen Scheiß“ machen müssen, sagt Stein-Schneider. Erst danach sei klar geworden, was diese Band eigentlich ist: kein austauschbares Projekt, sondern eine bestimmte chemische Verbindung.

Wingenfelder nennt es Altersweisheit. Man erkenne erst, was etwas wert sei, wenn es nicht mehr da ist. Und man müsse sich irgendwann fragen, ob man nicht ein „arroganter Vollidiot“ wäre, wenn man das, was man den Menschen gegeben habe, nicht mehr wertschätze.

Changes: Musik in unruhiger Zeit

Das neue Album trägt den Titel „Changes“. Schon dieser Titel öffnet eine größere Tür. Es geht nicht nur um Veränderungen innerhalb einer Band. Es geht um eine Welt, die sich in einer Weise verändert, die vielen Menschen Angst macht: politisch, sozial, medial, kulturell.

Wingenfelder sagt, das Wichtigste, was sich ändern müsse, sei das Ende des reinen Ich-Denkens. „Wir werden nichts an dieser Welt verändern, wenn wir nicht anfangen, diesen Ich-Modus in einen Wir-Modus umzuschalten.“ Das ist der zentrale Satz des Gesprächs. Er klingt nicht wie eine politische Parole, eher wie eine soziale Diagnose.

Stein-Schneider ergänzt, der Mensch sei als Säugetier auf Gemeinschaft angelegt. Glück entstehe nicht durch den nächsten Konsumakt, sondern wenn man etwas für andere tue. „Wir brauchen die Horde, wir brauchen Menschlichkeit, Mitgefühl, Solidarität.“ Dass all dies schwer zu kapitalisieren ist, macht es in einer durchökonomisierten Welt nicht weniger notwendig, sondern eher verdächtig.

Die beiden Musiker sprechen über Bildung, über Social Media, über Einsamkeit, über Empathieverlust, über die Frage, warum skandinavische Gesellschaften oft ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl ausbilden als die deutsche. Man muss nicht jede Zuspitzung teilen, um den Kern ernst zu nehmen: Eine Demokratie lebt nicht von Bekenntnissen allein. Sie lebt von Gewohnheiten. Von Rücksicht. Von Aufmerksamkeit. Von der Bereitschaft, sich nicht nur als Konsument, sondern als Mitmensch zu begreifen.

Wenn man in der Öffentlichkeit steht und die Menschen einem zuhören, dann sollte man diese Verantwortung auch wahrnehmen und die Dinge sagen, die gesagt werden müssen.

Kai Wingenfelder

In diesem Sinn ist „Changes“ kein politisches Album im engen Sinne. Es ist eher ein Album aus einer politischen Zeit. Wingenfelder sagt, Fury seien immer eine Band gewesen, die Stellung beziehe. Wenn man Öffentlichkeit habe, müsse man diese Pflicht wahrnehmen. Es gehe ihnen nicht nur um Erfolg, sondern um den Wert von Kunst, „wenn sie auch mal kritisch ist“.

Konzerte als sichere Räume

Vielleicht erklärt sich daraus auch die besondere Rolle der Konzerte. Fury-Auftritte sind nicht nur Wiederbegegnungen mit alten Songs. Sie sind, jedenfalls in der Beschreibung der Musiker, kleine Gegenwelten.

Stein-Schneider sagt, sie hätten sich immer eingemischt, wenn es im Publikum Ärger gab. Heute könne man sehen, dass Eltern ihre Kinder in die erste Reihe stellten. Das sei ein Zeichen: „Da ist Peace bei uns.“ Und dann fällt ein Satz, der fast zu schön ist, um ihn nicht ernst zu nehmen: „Wenn wir zusammen singen, können wir keine Angst empfinden.“

Das ist vielleicht der einfachste und zugleich tiefste Grund, warum Musik bleibt. Sie löst keine politischen Konflikte. Sie saniert keine Schulen, repariert keine Öffentlichkeit, heilt keine zerrissene Gesellschaft. Aber sie erzeugt für zwei Stunden eine Erfahrung, die im Alltag selten geworden ist: dass viele Menschen gleichzeitig dasselbe fühlen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

So gesehen ist Fury in the Slaughterhouse heute weniger eine Band der Vergangenheit als eine Erinnerung an etwas, das Zukunft haben müsste: Zusammenklang.

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