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Nic Palmarini: Warum sind wir auf ein längeres Leben nicht vorbereitet?

Über Alter, Arbeit und Zukunft

Nic Palmarini: Warum sind wir auf ein längeres Leben nicht vorbereitet?
Nic Palmarini im Rahmen der DLD Conference in München (© Sebastian Gabriel / picture alliance for DLD / Hubert Burda Media)

Lange galt Altern als Randthema: etwas, das „die anderen“ betrifft, weit weg vom eigenen Leben. Diese Perspektive trägt nicht mehr. Zum ersten Mal in der Geschichte leben fünf, teilweise sechs Generationen gleichzeitig – sie arbeiten, wählen, reisen, konkurrieren um Ressourcen. Das ist keine demografische Fußnote, sondern ein struktureller Umbruch. Altern ist zu einem der großen Megatrends unserer Zeit geworden, vergleichbar mit dem Klimawandel: unausweichlich, tiefgreifend – und zugleich voller Möglichkeiten.

Der Blick auf die Statistik genügt nicht mehr. Entscheidend ist, was sie im Alltag bedeutet. Menschen in ihren Siebzigern heute sind nicht dieselben wie vor fünfzig Jahren. Biologisch, neurologisch, sozial haben sich Voraussetzungen verschoben. „Ein Siebzigjähriger heute ist etwas anderes als ein Siebzigjähriger 1970“, sagt Nic Palmarini, Director des National Innovation Centre Ageing (NICA), im Rahmen der DLD Conference in München. Die sogenannte „äquivalente Altersverschiebung“ beschreibt dieses Phänomen: Mehr Lebensjahre bedeuten nicht nur mehr Zeit, sondern veränderte Fähigkeiten, Erwartungen, Möglichkeiten.

Gleichzeitig wächst die zentrale Frage: Wozu? Wozu länger leben, wenn Gesellschaften nicht darauf vorbereitet sind? Wenn zusätzliche Jahre nicht als gestaltbarer Lebensabschnitt verstanden werden, sondern als verlängerte Phase des Wartens? Altern ist formbar, sagt Palmarini – „malleable“. Nicht unbegrenzt, nicht beliebig, aber beeinflussbar. Die eigentliche Aufgabe bestehe darin, nicht einfach länger, sondern gesünder zu leben.

Das Ende eines Versprechens

Kaum ein gesellschaftliches Versprechen ist so tief verankert wie das der Rente. Arbeiten, sparen, aufhören – ein Modell aus einer Zeit, in der nach dem Erwerbsleben noch wenige Jahre blieben. Heute können es drei Jahrzehnte sein. Das System jedoch ist nahezu unverändert geblieben. „Das Rentensystem wurde vor zweihundert Jahren erfunden“, sagt Palmarini, „aber die Lebenserwartung war damals eine andere.“

Dass Reformen ausbleiben, liegt weniger an mangelndem Wissen als an politischer Feigheit. Rente ist emotional, kulturell aufgeladen, wahlentscheidend. Wer sie antastet, riskiert Stimmen. Doch das ökonomische Problem ist offensichtlich: Immer weniger Jüngere finanzieren immer mehr Ältere. Gleichzeitig fühlen sich viele Menschen bei Eintritt in den Ruhestand noch leistungsfähig – und oft überflüssig gemacht. „Viele sind nicht bereit, aufzuhören“, sagt Palmarini. Nach ein, zwei Jahren stelle sich für viele die Frage: Was mache ich jetzt eigentlich?

Nach der Rente fühlen sich viele Menschen nicht befreit, sondern überflüssig gemacht.

Nic Palmarini

Die Alternative ist kein Zwang zum Weiterarbeiten, sondern eine Neubestimmung dessen, was Arbeit im Alter sein kann. Nicht körperliche Schwerstarbeit bis ins hohe Alter, sondern die Nutzung von Erfahrung, Urteilskraft, Wissen. Künstliche Intelligenz könnte hier zum Ausgleich werden: als Werkzeug, das technische Hürden senkt und Erfahrung aufwertet. Wer beurteilen kann, ob ein Ergebnis sinnvoll ist, braucht nicht mehr jede Software selbst zu beherrschen. „Erfahrung wird wichtiger, nicht unwichtiger“, sagt Palmarini.

Prävention statt Reparatur

Ein weiteres Versäumnis liegt im Gesundheitssystem. Es ist hervorragend darin, zu reparieren – und schwach darin, zu verhindern. Dabei ließen sich viele der nichtübertragbaren Krankheiten präventiv beeinflussen. Verhalten und gesellschaftliche Rahmenbedingungen machten rund 60 Prozent der Faktoren aus, die unsere Gesundheit bestimmen. Dennoch beginnt medizinische Aufmerksamkeit meist erst, wenn Krankheit bereits da ist.

Hier öffnet sich auch ein ökonomischer Raum. Nicht nur Pharmaunternehmen, sondern nahezu alle Branchen beeinflussen Langlebigkeit: Ernährung, Mobilität, Wohnen, Unterhaltung, Arbeit. „Sie nennen mir eine Industrie, ich nenne Ihnen ihren Einfluss auf das Altern“, sagt Palmarini. Selbst Automobilhersteller seien Akteure der Langlebigkeit – etwa durch Assistenzsysteme, die Unfälle vermeiden und Selbstständigkeit erhalten.

Die größte Herausforderung jedoch ist gesellschaftlich: sinkende Geburtenraten bei gleichzeitig wachsender Lebenserwartung. Länder wie Deutschland werden ohne Zuwanderung schrumpfen. Pflege, Versorgung, Wirtschaft – all das ist ohne Migration kaum denkbar. Doch wenn politische Realitäten Migration blockieren, bleibt nur eine Option: die vorhandene Bevölkerung möglichst lange gesund und handlungsfähig zu halten. Langlebigkeit wird so zur Frage wirtschaftlicher Stabilität.

Ein Asset, kein Makel

Altern ist kein Betriebsunfall der Moderne. Es ist ihr Resultat. Medizinischer Fortschritt, bessere Lebensbedingungen, Wissen – all das hat die Lebenszeit verlängert. Die entscheidende Frage ist, ob Gesellschaften bereit sind, diese Realität als Ressource zu begreifen. „Ein älter werdendes Land kann ein Asset sein“, sagt Palmarini. Vorausgesetzt, es entwickelt Modelle, die Würde, Teilhabe und Sinn ermöglichen – jenseits des alten Schemas von Arbeit und Ruhestand.

Das verlangt Ehrlichkeit, langfristiges Denken und den Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Nicht als Drohkulisse, sondern als Einladung zur Gestaltung. Altern ist da. Die Frage ist nur, was wir daraus machen.

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