Die Gegenwart fühlt sich nervös an. Technologien beschleunigen den Alltag, politische Gewissheiten zerbröseln, ökologische Kipppunkte rücken näher. Es ist ein Zeitalter der Gleichzeitigkeit: Klimakrise, geopolitische Konflikte, soziale Spaltung, digitale Überforderung. Vieles davon wird als historisch beispiellos beschrieben. Doch dieser Eindruck täuscht – und gerade darin liegt eine der zentralen Lehren aus der Geschichte.
Der Sozialphilosoph Roman Krznaric widerspricht im Rahmen der DLD Conference in München der verbreiteten Vorstellung, wir lebten in einer einzigartigen Epoche der Überforderung. Schon im 19. Jahrhundert, so erinnert er, fürchteten Menschen angesichts von Telegrafie und Industrialisierung den mentalen Zusammenbruch ganzer Gesellschaften. Jede Generation halte sich für die erste, die an der Geschwindigkeit der Welt zu scheitern drohe. Der entscheidende Unterschied liege nicht im Tempo der Veränderungen, sondern in der Art, wie Gesellschaften auf Krisen reagieren.
Die Tyrannei des Jetzt
Ein zentrales Problem moderner Politik und Wirtschaft sei die Fixierung auf das Kurzfristige. Wahlen, Quartalszahlen, Schlagzeilen – alles drängt auf sofortige Wirkung. Krznaric nennt das die „Tyrannei des Jetzt“. Die Folge: ein fast religiöser Glaube daran, dass technologische Innovationen gesellschaftliche Probleme quasi automatisch lösen würden. Dabei zeigt der Blick in die Geschichte ein anderes Bild. Fortschritt entsteht selten allein durch Technik, sondern durch soziale Innovationen – neue Formen des Zusammenlebens, der politischen Beteiligung, der Solidarität.
Geschichte ist kein Bauplan, keine perfekte Blaupause der Gegenwart.
Roman Krznaric
„Technologische Innovation war immer wichtig“, sagt Krznaric, „aber genauso entscheidend war, wie Menschen sich organisiert haben, um Krisen zu bewältigen.“ Wer Geschichte nur als Abfolge von Warnungen begreife – als Archiv des Scheiterns –, verschenke ihr eigentliches Potenzial. Denn ebenso lehrreich sei, zu analysieren, was funktioniert hat.
Demokratie ist veränderbar
Besonders deutlich wird das beim Blick auf demokratische Systeme. Angesichts des Erstarkens rechtspopulistischer Bewegungen in Europa und den USA greifen viele zu historischen Parallelen – etwa zu den 1930er-Jahren. Diese Vergleiche sind naheliegend, greifen aber zu kurz. Denn sie beschreiben Symptome, nicht Handlungsspielräume.
Krznaric verweist auf wenig bekannte historische Modelle, etwa auf die Republik der Drei Bünde im heutigen Graubünden. Dort existierte über Jahrhunderte eine radikal basisdemokratische Ordnung: Entscheidungen wurden auf Dorfebene getroffen, Delegierte – keine klassischen Abgeordneten – übermittelten sie nach oben. Eine Demokratie ohne Eliten im heutigen Sinn.
Warum das relevant ist? Weil viele Menschen, die sich heute von demokratischen Institutionen abwenden, ein Gefühl des Ausschlusses eint. „Meine Stimme zählt nicht“, heißt es oft. Geschichte zeigt, dass Demokratie anders organisiert werden kann: dezentraler, partizipativer, näher am Alltag der Menschen. Bürgerversammlungen, lokale Entscheidungsräume, echte Mitbestimmung – all das ist keine utopische Fantasie, sondern historisch erprobt.
Der gefährliche Komfort
Dass solche Ideen lange als randständig galten, hat auch mit dem westlichen Wohlstandsversprechen der vergangenen Jahrzehnte zu tun. Eine Phase relativer Stabilität hat zu einer kollektiven Bequemlichkeit geführt. „Ja“, sagt Krznaric, „diese Jahrzehnte haben uns träge gemacht.“ Vor allem aber haben sie das historische Gedächtnis erodieren lassen. Die Kämpfe um Demokratie, um Arbeitsrechte, um soziale Sicherheit erscheinen fern – dabei sind ihre Errungenschaften erstaunlich fragil.
Ein Wohlfahrtsstaat lasse sich vergleichsweise leicht abbauen, warnt Krznaric. Ihn wieder aufzubauen, sei ungleich schwerer. Die Erosion demokratischer Rechte in den USA zeige, wie schnell Sicherheiten verschwinden können. Komfort, so paradox es klingt, wird damit selbst zum Risiko.
Krisen, Ideen, Bewegungen
Trotzdem sind Krisen nicht zwangsläufig lähmend. Historisch betrachtet haben sie oft tiefgreifende Reformen ausgelöst – von der Einführung staatlicher Sozialsysteme bis zu ökologischen Regulierungen. Entscheidend ist das Zusammenspiel dreier Faktoren: Krise, neue Ideen und soziale Bewegungen. Krznaric nennt das den „Disruptions-Nexus“.
Die Finanzkrise von 2008 scheiterte aus dieser Perspektive nicht am fehlenden Problemdruck, sondern am Mangel an überzeugenden Alternativen. Konzepte wie Postwachstumsökonomie oder eine am Wohlbefinden orientierte Wirtschaft waren politisch nicht anschlussfähig. Gleichzeitig fehlten Bewegungen, die den Reformdruck aufrechterhalten hätten.
Dass Informationen heute schneller zirkulieren und Krisen medial rasch verdrängt werden, ist dabei weniger das Kernproblem. Entscheidend ist, ob es Akteure gibt, die Themen aufgreifen, bündeln und politisch wirksam machen. Bewegungen wie Fridays for Future oder Black Lives Matter zeigen, dass das möglich ist – auch wenn ihr Einfluss in Wellen verläuft.
Vom Ich zum Wir
Die vielleicht tiefste Herausforderung liegt jedoch jenseits von Institutionen und Modellen: im sozialen Zusammenhalt. Klimawandel, Migration, technologische Umbrüche werden Gesellschaften in einen Zustand permanenter Unruhe versetzen. Die Frage ist nicht, ob diese Turbulenzen kommen, sondern wie wir ihnen begegnen.
Krznaric greift hier auf den islamischen Historiker Ibn Khaldun zurück, der im 14. Jahrhundert den Begriff asabiyah prägte – kollektive Solidarität, sozialer Zusammenhalt. Gesellschaften mit starker asabiyah überstehen Krisen besser; hochgradig ungleiche Gesellschaften hingegen zerfallen, weil Eliten glauben, sich abschotten zu können.
Diese Diagnose wirkt erschreckend aktuell. Wenn technologische Macht und wirtschaftlicher Reichtum sich konzentrieren, leidet das Vertrauen. „Sehr ungleiche Gesellschaften“, sagt Krznaric, „überleben Krisen nicht gut.“ Die Geschichte großer Zivilisationen bestätigt das. Keine von ihnen war von Dauer – im Schnitt, so zeigen Studien, hielten sie rund drei Jahrhunderte. Der Glaube an die Unzerstörbarkeit des gegenwärtigen Systems ist also historisch naiv.
Die vergessene Kraft des Gesprächs
Was also tun? Krznarics Antwort ist erstaunlich unspektakulär – und gerade deshalb radikal. Gemeinschaft entsteht nicht durch Apps oder Kampagnen, sondern durch Begegnung. Gespräche mit Fremden, jenseits der eigenen Blase. Historisch waren es Orte wie das Kaffeehaus, an denen sich politische Öffentlichkeit formte: gemeinsame Tische, Zeitungen, Debatten. Eine soziale Technologie, die Vertrauen stiftete.
„Wenn ich eine Sache empfehlen müsste“, sagt Krznaric, „dann wäre es: Gehen Sie einmal pro Woche mit einem Fremden ins Gespräch.“ Das klingt banal, ist aber ein Gegenentwurf zur hyperindividualistischen Kultur der vergangenen Jahrzehnte. Ohne diese alltäglichen Bindungen, so seine Warnung, lassen sich die kommenden Krisen nicht bewältigen.
Am Ende läuft alles auf eine einfache, aber unbequeme Erkenntnis hinaus: Zukunftsfähigkeit ist kein technisches Problem, sondern ein soziales. Sie entscheidet sich daran, ob Gesellschaften es schaffen, vom „Ich“ zum „Wir“ zu gelangen – bevor äußere Zwänge sie dazu zwingen.