Es gibt einen Moment, den Sarah Lesch beschreibt, der sich anfühlt wie der heimliche Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Albums „Poesie & Widerstand": den Moment, in dem man alles hat, was man immer wollte – und merkt, dass es das gar nicht war. Den Erfolg, die ausverkauften Konzerte, den Körper, der endlich so aussah, wie man es sich vorgestellt hatte. „Das war der furchtbarste Moment in meinem Leben", sagt sie. Weil dahinter nichts mehr kam. Keine Erfüllung, keine Ruhe. Nur die Erkenntnis, dass man sich irgendwo unterwegs selbst stehen gelassen hat.
Es ist eine Erkenntnis, die weit über eine individuelle Biographie hinausreicht. Denn was Lesch hier beschreibt, ist das Grundgefühl einer Generation, die zwischen analoger Kindheit und digitaler Dauerüberforderung aufgewachsen ist und seitdem nicht mehr aufgehört hat, sich zu optimieren – ohne je recht zu wissen, wofür eigentlich. Ihr Song „Anna-Lisa" fängt dieses Unbehagen in eine kleine Erzählung ein: Anna-Lisa lebt mit Malte zusammen, einem performativen Vorzeige-Feministen und Coach, und flieht dann doch zum Kiezderby nach St. Pauli, wo die echte Liebe wartet. Es ist ein Lied über Placebo-Handlungen und die Frage, ob all die Hafermilch, all die richtigen Haltungen und all die Selbstoptimierung am Ende nicht vor allem dazu dienen, sich selbst zu beruhigen.
Den Song hat Lesch im vergangenen Sommer in Hamburg geschrieben, als sie tagelang durch verschiedene Viertel lief und beobachtete. Ihr Sohn, gerade 21 geworden, half ihr, die Figuren zu schärfen – und diagnostizierte ihr freundlich, das seien alles Millennial-Probleme, nicht die seiner Generation. Wobei auch Lesch selbst sich nicht ausnimmt: „Ich habe ganz viele Kleinigkeiten in diesen Song eingebracht, die das eigentlich ganz gut zusammenfassen, was ich bei mir so wahrnehme an menschlicher Fehlbarkeit."
Wenn die Amplitude flach wird
Was Lesch auf „Poesie & Widerstand" verhandelt, ist im Kern eine Absage an das Entweder-oder, das unsere Zeit so beherrscht. Entweder Glück oder Unglück, entweder stark oder schwach, entweder Poesie oder Widerstand. Das „Und" dagegen fällt uns schwer. Dabei wird es erst spannend, wenn man beides gleichzeitig zulässt – die Wut und die Zärtlichkeit, den Kampfgeist und die Demut.
Lesch kennt die Konsequenzen des Verdrängens aus eigener Erfahrung. Sie beschreibt es als Amplitude: Wer die Tiefe nicht mehr zulässt, dem verschwindet irgendwann auch die Höhe. Was bleibt, ist ein Stau in der Mitte, eine Gefühllosigkeit, die sich anfühlt wie Depression. „Du stehst da und denkst, ich sollte mich eigentlich freuen, aber ich fühle gar nichts", sagt sie. Jahre habe sie versucht, alles Schwere wegzumachen, darüber hinwegzuleben, stark zu sein. Bis der Körper nicht mehr mitspielte – Rücken, Magen, und irgendwann auch die Hand, die nicht mehr Gitarre spielen konnte, wie sie es brauchte. Heute sieht sie in dieser Psychosomatik einen „richtig guten Seismographen", ein Alarmsystem, das präziser Bescheid sagt als jede Selbstreflexion.
Ich habe über zehn Jahre lang auf der Bühne über Gefühle gesungen und konnte selbst ganz, ganz schlecht mit meinen Gefühlen umgehen.
Sarah Lesch
Überhaupt, die Selbstreflexion: Lesch dreht den modischen Imperativ der ständigen Selbstbefragung um. Das Kernproblem ihrer Generation sei gar nicht, dass sie sich zu wenig reflektiere, sondern dass sie nicht aufhören könne damit. Immer die Frage, ob man schon gut genug sei, immer die Suche nach der nächsten Optimierung, ob beim Dating, beim Lifestyle oder beim Versuch, ein besserer Mensch zu werden. „Aber bloß nicht einfach mal in sich gehen und ganz ruhig und entspannt bleiben und sich die Fusseln aus dem Bauchnabel pulen und einfach mal man selber sein." Es gehe gar nicht darum, sich noch besser zu reflektieren, sondern darum, einfach mal zu machen. Weniger denken, mehr sein.
Die Kraft der kleinen Stolperfallen
Es ist diese Haltung, die auch Leschs Songwriting prägt. Für „Poesie & Widerstand" hat sie erstmals bewusst vor dem Schreiben eine Art künstlerische Grundhaltung definiert – einen Blickwinkel, den sie „Adlerpoesie" nannte. Statt sich wie beim Vorgängeralbum in den Grabenkampf zu stürzen, wollte sie herauszoomen, das große Ganze betrachten, den Knoten finden, der alles zusammenhält. Welche Stimme soll sprechen? Wen will sie erreichen? In welchem Tonfall? Das habe sich, sagt sie, „sehr erwachsen" angefühlt.
Gleichzeitig steckt in den Songs ein handwerkliches Vergnügen an kleinen Irritationen. In „Anna-Lisa" etwa trägt die heimliche Liebe namens Zechi ein „Sie"-Pronomen – eine bewusste Stolperfalle für Hörgewohnheiten. Lesch erzählt, sie habe zunächst versucht, die Figur ganz ohne Pronomen zu erzählen, geschlechtsneutral, offen. Es funktionierte nicht: Die Geschichte verlor ihre Bilder, wurde abstrakt, berührte nicht mehr. „Ich habe gemerkt, die Leute kriegen die Bilder nicht, wenn da kein Pronomen ist." Ein Befund, den sie ausdrücklich wertfrei verstanden wissen will – nicht als Argument gegen nicht-binäre Menschen, sondern als ehrliche Beobachtung über die Mechanik des Erzählens und die Trägheit des Gehirns, das Sicherheit sucht und kategorisieren will.
Diese Art, das eigene Denken zu befragen, ohne es sofort zu bewerten, durchzieht das ganze Album. Lesch nennt ihren Song „Testament" den Kern, aus dem alle anderen Stücke gewachsen seien – ein Lied über das Grundproblem, „dass wir gelernt haben, uns als Menschen nicht richtig zu sehen – uns selbst nicht, und uns auch nicht den Raum zu geben, wirklich menschlich zu sein." Es sei, sagt sie, im Grunde ein zutiefst feministisches Lied: eines, das die Gleichzeitigkeit in Menschen einfordert, statt sie in Schubladen zu pressen.
Zwischen Veranda und Algorithmus
Doch wie viel Raum bleibt für solche Differenzierung, wenn die Plattformen, auf denen Musik stattfindet, genau das Gegenteil belohnen? Lesch spricht offen über die Krise: Clubs sterben, Streaming bezahlt kaum, Algorithmen drosseln queere und politische Inhalte, Instagram findet ihre Texte zu lang. Sie hat sich in den letzten Monaten aus Selbstfürsorge von den sozialen Medien zurückgezogen – und sofort die Konsequenzen gespürt. „Wenn ich mich da entziehe, dann hat es ganz klare realistische Konsequenzen für mein Unternehmen, wo auch Leute einfach davon leben."
Es ist ein Dilemma, das sie nicht auflöst, sondern aushält. Die Lösung, die sie sucht, ist keine programmatische, sondern eine sehr persönliche: zurück zum Direkten, zum Kleinen, zum Analogen. Wohnzimmerkonzerte für ihre Patreon-Community, bei denen man hinterher noch zusammen auf der Terrasse sitzt und redet. Vier Stunden Spazierengehen am Tag, wenn es geht, einfach nur durch den Wald, nichts weiter. Und ein erstes Buch, an dem sie schreibt – ein neuer Kanal neben der Musik, um sich auszudrücken, ohne sich gleich der ganzen Öffentlichkeit auszusetzen.
Denn auch das hat Lesch gelernt: dass das Musikbusiness keine therapeutische Zwölf-Leute-Runde ist, auch wenn die Bühne sich manchmal so anfühlen mag. Dass man nicht jeden guten Text veröffentlichen muss, nur weil er Resonanz erzeugen würde. Dass Schutz kein Widerspruch zu Offenheit ist.
Was bleibt, ist ein Bild, das sie selbst entwirft und das vielleicht am besten zusammenfasst, worum es auf „Poesie & Widerstand" geht: Sie stellt sich vor, wie sie als alte Frau auf einer Veranda sitzt und die Sprachnachrichten von 2026 abhört – all die gehetzten Verabredungen, die verschobenen Kaffees, die Versprechen auf nächste Woche. Und sich dann denkt: Ein Glück, dass ich irgendwann damit aufgehört habe und mir einfach Zeit genommen habe für die Leute, die mir wichtig sind.