Zum Inhalt springen

Tania Söllner über falsches Glück, echte Wut und das Genug-Sein

Warum die Suche nach dem Glück oft das Gegenteil bewirkt

Tania Söllner über falsches Glück, echte Wut und das Genug-Sein

Es gibt eine Szene, die Tania Söllner gerne erzählt. Sie sitzt, hochschwanger, in einem Yogakurs, fühlt sich, wie sie sagt, „wie ein Walross", und fragt sich mit einer Klarheit, die sie bis heute nicht losgelassen hat: „Warum mache ich diese Scheiße eigentlich?" Neben ihr eine Freundin, zwanzig Zentimeter größer, die alles wunderbar findet. So beginnt keine Erleuchtungsgeschichte. So beginnt eine Abrechnung – eine liebevolle zwar, aber eine deutliche.

Söllner, die als „Die Clementa" hunderttausenden Menschen auf Instagram bekannt ist, hat mit „Scheiß auf Yoga" einen Spiegel-Bestseller geschrieben und geht nun mit dem gleichnamigen Programm auf Tournee. Der Titel klingt nach Provokation, doch wer genauer hinhört, merkt schnell: Es geht nicht gegen Yoga. Es geht gegen eine Gesellschaft, die das Glück zur Pflichtübung erklärt hat – und dabei vergessen hat, worin es eigentlich besteht.

Denn der Befund, den Söllner formuliert, ist so simpel wie unbequem: Wir suchen das Glück überall, nur nicht dort, wo es tatsächlich liegt. In der Achtsamkeits-App, beim Breathwork auf Bali, im zuckerfreien Frühstück mit Chiasamen. „Es gibt tausend Vorgaben, die dir sagen, du bist nur glücklich, wenn du zweimal die Woche in den Wald gehst", sagt sie. Und fügt hinzu, was viele denken, aber wenige auszusprechen wagen: „Ich hasse Avocados. Das schmeckt ohne Gewürz nach Fensterkit." Was klingt wie ein Nebensatz, ist in Wahrheit der Kern ihres Arguments: Wer sich nicht einmal traut, eine Frucht nicht zu mögen, weil es gesellschaftlich nicht opportun ist – wie soll der sich trauen, sein Leben grundlegend zu ändern?

Die Tyrannei des optimierten Selbst

Was Söllner beschreibt, ist eine Kultur der permanenten Selbstoptimierung, die paradoxerweise genau das verhindert, was sie verspricht. Dankbarkeitstagebücher, Manifestationsrituale, Morgenroutinen nach den immer gleichen Anleitungen – all das, so ihr Argument, sei oft nichts anderes als Kompensation. Eine Ablenkung davon, sich mit der eigentlichen Frage zu beschäftigen: Was will ich wirklich? „Wahres Glück kommt von innen nach außen und nicht von außen nach innen", sagt sie, und es ist bezeichnend, dass ein Satz, der eigentlich banal klingt, in einer Welt der durchgetakteten Wellness-Routinen fast schon revolutionär wirkt.

Warum nicht ich? Warum sollte es mir denn nicht passieren? Wenn du was lernen willst hier, dann musst du halt auch durch das ein oder andere durch.

Tania Söllner

Söllner kennt die Gegenrede. Sie weiß, dass man ihr vorwirft, zu provozieren. Doch sie wehrt sich gegen dieses Etikett. „Ich provoziere gar nicht. Ich frage dich einfach nur: Hast du Spaß in deinem Job? Nee? Such dir einen anderen. Punkt." Es ist diese Direktheit, die ihr Publikum anzieht – und die manche Veranstalter noch immer abschreckt. Locations, die sie nicht buchen wollen, Formate, die den Titel für untragbar halten. „Es gibt immer noch Leute, die sagen, mit dem Titel kommt ihr nicht in unser Format", erzählt sie. Die Ironie, dass ausgerechnet ein Programm über den Mut zur Unangepasstheit an der Angepasstheit der Kulturbranche scheitern kann, scheint ihr nicht zu entgehen.

Wut als Treibstoff

Hinter der Bühnenenergie liegt eine Biografie, die wenig mit der Leichtigkeit zu tun hat, die Söllner heute ausstrahlt. Aufgewachsen als Einzelkind in einem „sehr strengen, konservativen" italienischen Elternhaus, rebellierte sie früh – und fand für ihre Wut lange kein Ventil. „Mein Aggressionslevel, also dieses bis ich explodiere, wurde immer dünner", erzählt sie über ihre Zwanziger, eine Zeit, in der sie im Beruf die Rolle der erfolgreichen Frau spielte und privat vor dem Zusammenbruch stand. Es war eine Kollegin, die sie zu einer Familienaufstellung mitnahm – Söllner war 23, wusste nicht einmal, was das Wort „Mindset" bedeutet. „Ich bin da raus und habe gedacht: Oh, das ist ein Ventil. Da kann ich was tun."

Seither arbeitet sie an dieser Wut. Nicht um sie loszuwerden, sondern um sie zu kanalisieren. „Wut ist ja persönlich immer nur schlecht. Das ist ja eine ganz krasse Energie", sagt sie – und nutzt genau diese Energie heute auf der Bühne, in ihren Videos, in ihrer Arbeit als Mentorin. Dass sie mittlerweile mit ihren Eltern in einem Haus lebt, friedlich und versöhnt, erzählt sie nicht als Pointe, sondern als Beweis: Veränderung beginnt nicht beim anderen. Ihr Vater habe sich nicht grundlegend verändert, sagt sie. Sie lache heute über seine Eigenheiten, statt sich von ihnen verletzen zu lassen. „Freiheit ist, wenn du Sachen nicht nur sagst, sondern sie auch wirklich fühlst."

Stehenbleiben, wo alle weiterhetzen

Fragt man Söllner nach der einen Botschaft, die von ihrer Tour bleiben soll, kommt die Antwort ohne Zögern: „Du bist genug. Punkt. Du bist schon. Du musst nicht erst werden." Es ist ein Satz, den man in der Ratgeberliteratur dutzendfach findet – doch bei Söllner gewinnt er an Gewicht, weil er nicht aus der Theorie kommt, sondern aus der Erfahrung einer Frau, die selbst jahrelang versuchte, in Formen zu passen, die nicht die ihren waren. Eine Frau, die in einer Beziehung blieb, die sie „todunglücklich" machte, weil von außen alles stimmte. Die beruflich erfolgreich war, aber keine Luft mehr bekam.

Es gibt eine Übung, die sie ihrem Publikum gerne mit auf den Weg gibt. Keine Atemtechnik, kein Journaling, kein Retreat. Einfach nur: Hinsetzen und zehn Minuten lang einen Stein betrachten. „Back to the roots, wirklich. Das musst du erst mal schaffen." Eine Frau, die sie einmal gecoacht hat, beobachtet morgens ihre Hühner. Das sei deren Meditation. „Mega!", ruft Söllner, und man hört darin nicht Ironie, sondern echte Bewunderung für das Einfache.

Ihre Tour „Scheiß auf Yoga" startet am 27. April in Köln, im Juni gastiert sie im Münchner Schlachthof. Im Gespräch wird eines deutlich: Söllner ist keine Gegnerin der Selbstfindung. Sie ist eine Gegnerin der Selbstfindungsindustrie. Der Unterschied mag klein wirken – aber er ist, wie so vieles bei ihr, genau der Punkt.

Podcast anhören: