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Timothy Paul über Liebe, Trauer und Vergänglichkeit

Die Möglichkeit eines Seins

Timothy Paul über Liebe, Trauer und Vergänglichkeit
Timothy Paul

Es gibt Beziehungen, die enden, bevor sie richtig begonnen haben. Nicht, weil die Gefühle fehlten, sondern weil die Zeit fehlte. Und gerade diese Beziehungen, so paradox es klingt, hinterlassen mitunter die tiefsten Spuren. Wer jemanden verliert, den er gerade erst gefunden hat, trauert nicht nur um das, was war. Er trauert um alles, was hätte werden können. Um einen ganzen Möglichkeitsraum, der sich aufgetan hatte und der nun, von einem Moment auf den nächsten, versiegelt ist. Kein Alltag hat die Illusion korrigiert, kein Streit um Spülmaschinen oder Urlaubsziele hat das Bild getrübt. Was bleibt, ist die reine, ungeprüfte Verheißung.

Genau davon handelt „Eine Liebe ohne Sommer", der Debütroman des Schriftstellers und langjährigen Lektors Timothy Paul. Seine Protagonistin Rosa, Mitte dreißig, hat ihr Leben eingerichtet: Karriere, Freundinnen, eine leidlich neurotische Familie. Einen Mann braucht sie nicht. Dann steht da plötzlich einer im Treppenhaus, sie kommt gerade klatschnass aus dem Regen, und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Rosa und Nikolas erleben eine kurze, intensive Zeit miteinander. Und in dem Moment, in dem beide wissen, dass sie zueinander gehören, stirbt er. Der Roman beginnt, wo andere enden: Rosa räumt mit Nikolas' Mutter dessen Wohnung aus. „Ich habe dich zweimal kennengelernt", heißt es auf dem Buchrücken. „Einmal warst du dabei, einmal nicht."

Paul erzählt auf zwei Zeitebenen. Da ist die Vergangenheit, in der sich Rosa und Nikolas finden, in der sie Höhen und Tiefen erleben, in der auch Unbequemes passiert. Und da ist die Gegenwart, in der Rosa herausfinden muss, wer dieser Mann eigentlich war – und was sein Verlust über sie selbst aussagt. Kann man mit Mitte dreißig die große Liebe bereits gehabt haben? Und wenn ja: Was kommt danach?

Die Julia-Robertisierung der Gesellschaft

Es wäre einfach, „Eine Liebe ohne Sommer" als romantischen Roman abzutun. Tatsächlich aber verhandelt das Buch Fragen, die weit über die Liebesgeschichte hinausreichen. Fragen, die eine ganze Generation umtreiben, vielleicht mehrere. Denn Rosa lebt in einer Welt, in der die vermeintlich nächstbessere Option nur einen Wisch über den Bildschirm entfernt ist. In der Menschen einander nach Fotos beurteilen, die kleiner sind als ein Fingernagel. In der ein „Hey, wie geht's?" als Gesprächseröffnung bereits zum Ausschlusskriterium wird.

Es kann ein großes Glück sein, nur eine große Liebe zu haben. Es kann ein großes Glück sein, mehrere zu haben. Und es ist vollkommen okay, wenn man niemals eine hat.

Timothy Paul

Timothy Paul, der mehr als dreißig Jahre lang als Lektor gearbeitet hat, bevor er selbst zum Autor wurde, nennt das die „Julia-Robertisierung unserer Gesellschaft": die Erwartung, das eigene Leben möge einer romantischen Komödie gleichen. Dass der Partner aussieht wie ein Filmstar. Dass die erste Begegnung magisch ist. Dass Liebe sich anfühlt wie ein Hormongewitter, das niemals abzieht. „Vollkommener Bullshit", sagt Paul dazu mit der Gelassenheit eines Mannes, der weiß, wovon er spricht. Und der gleichzeitig zugibt, dass auch er seine große Liebe – seinen Mann – über das Internet gefunden hat, allerdings zu einer Zeit, als ein Profilbild noch die Größe eines Daumennagels hatte und man sich tatsächlich mit dem auseinandersetzen musste, was ein Mensch über sich schrieb.

Was Paul an der heutigen Dating-Kultur stört, ist nicht die Technik, sondern die Haltung dahinter. Es ist die Entmenschlichung, die entsteht, wenn Beziehungsfähigkeit auf Äußerlichkeiten reduziert wird. Wenn das Gegenüber nicht einmal mehr merkt, dass man sich für es interessiert. Und wenn beim ersten Fehltritt sofort zum nächsten Profil gewischt wird. In seinem Roman gibt es deshalb kein Online-Dating. Rosa und Nikolas begegnen sich analog, in einem Treppenhaus, in einer denkbar ungünstigen Situation. Weil Paul glaubt, dass dort die Magie beginnt: im Unerwarteten, im Unbequemen, im Echten.

Vom Anspruch auf Glück

Das Unbequeme, das Aushalten – es sind Begriffe, die in der gegenwärtigen Debatte über Beziehungen selten vorkommen und die Paul dennoch ins Zentrum rückt. Nicht als Plädoyer für das Erdulden toxischer Verhältnisse, da ist er unmissverständlich. Sondern als Erinnerung daran, dass Liebe kein Zustand ist, sondern ein Prozess. Dass auch glückliche Partnerschaften durch Phasen gehen, in denen man den anderen aushalten muss. In denen es darum geht, nicht bei der ersten Krise aufzugeben. „Unter Druck entstehen Diamanten", zitiert Paul den abgenutzten Spruch, um dann sofort hinzuzufügen, dass er ihn furchtbar findet – und trotzdem für zutreffend hält, zumindest was Beziehungen betrifft. Wer viel zusammen durchlebe, wer sich austausche, auch über Schwieriges, in dem stecke, so Paul, „das Gold der Zukunft".

Dahinter steht eine Beobachtung, die über das Zwischenmenschliche hinausweist. Paul spricht von der „Anspruchshaltung", die er für eine der großen Geißeln unserer Zeit hält. Immer mehr Menschen, sagt er, seien überzeugt, einen Anspruch auf Glück, auf Wohlstand, auf Gehörtwerden zu haben. „Ehrlicherweise haben wir einen Anspruch auf nichts", sagt er. „Wir haben Rechte, die wir uns nehmen und verteidigen müssen. Aber wir haben keinen passiven Anspruch."

Es ist eine Haltung, die Rosa im Roman erst lernen muss. Sie denkt, es müsse alles perfekt sein. Sie ist irritiert, als Nikolas einen Fehler macht. Paul hatte sich bewusst dafür entschieden, diese Szene im Buch zu lassen, obwohl ihm eine Agentin riet, sie zu streichen – die Leser:innen seien dann „raus". Paul lehnte ab. Er wollte zeigen, dass Menschen auch am Anfang einer Beziehung „richtigen Bockmist machen" können und dass dann die entscheidende Frage nicht lautet, ob man geht, sondern wie man damit umgeht.

Die Neugier, jung zu bleiben

Wer „Eine Liebe ohne Sommer" liest, begegnet einer Autorenstimme, die sich nicht auf die Liebe zwischen zwei Menschen beschränkt. Paul schreibt über Familienstrukturen und wie sich die Wahrnehmung der eigenen Herkunft verschiebt, wenn man sie mit der eines anderen vergleicht. Er schreibt über Freundschaft, über Selbsttäuschung, über die Diskrepanz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung. Rosa hält sich für selbstbewusst, aber Pauls Erzählung offenbart ihre Unsicherheit – und genau das, so sagt er, war seine Absicht: eine Figur zu erschaffen, die entdeckt, dass sie sich selbst weniger gut kennt, als sie glaubte.

Überhaupt geht es in diesem Roman sehr viel ums Kennenlernen. Nicht nur zweier Menschen, sondern auch seiner selbst. Paul, Jahrgang 1970, beschreibt die Dreißiger als die Jahre, in denen man beginnt, sich mit dem „Ballast von gestern" auseinanderzusetzen, das Verhältnis zu den Eltern zu hinterfragen, alte Freundschaften zu überprüfen und neue mit einem anderen Bewusstsein zu schließen. Es ist eine Erkenntnis, die Rosa auf schmerzhafte Weise macht, die aber letztlich auch eine befreiende ist.

Und es ist eine Erkenntnis, die Paul mit einer Lebensweisheit verbindet, die so simpel klingt, dass man sie leicht überhört: „Ich glaube, wenn man neugierig bleibt, wenn man weiter Fragen stellt und wenn man nicht glaubt, dass man im Vollbesitz einer Weisheit ist, dann bleibt man jung." Sein schönstes Bild dafür: Er wolle sein Lieblingsbuch eine Sekunde vor dem Sterben zu Ende gelesen haben. Denn es wäre doch furchtbar, wenn man es schon mit dreißig oder vierzig gefunden hätte. Was, fragt er, macht man dann den Rest der Zeit?

Es sind nicht die großen Liebesgeschichten allein, die ein Leben prägen, das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die dieses Buch bereithält. Es sind manchmal kurze Momente, Gespräche an einem Abend, zufällige Begegnungen in einem Zug. Oder eben in einem Treppenhaus, an einem Regentag, mit einer Frau, die gar nicht gesucht hat. „Eine Liebe ohne Sommer" erzählt davon, dass Liebe kein Anspruch ist und kein Zustand, sondern ein Wagnis – und dass ihr Wert sich nicht in Monaten oder Jahren bemisst, sondern in der Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Auch auf die Gefahr hin, dass es wehtut. Vielleicht gerade dann.

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