Deutschland ist reich, sicher, satt – und lange davon überzeugt gewesen, dass genau diese Reihenfolge eine Naturkonstante sei. Drei Jahrzehnte „Friedensdividende“ haben nicht nur Kasernen und Materialbestände ausgedünnt, sondern auch etwas Weicheres, Wichtigeres: den gesellschaftlichen Muskel für die Frage, wofür dieses Land im Ernstfall einstehen würde. Nun ist die Welt zurück in der Geschichte – und Deutschland tastet sich, spät, aber mit wachsender Entschlossenheit, in eine neue Wirklichkeit hinein: Abschreckung ist wieder Staatsräson, Verteidigung wieder politisches Handwerk, Resilienz wieder Bürgerpflicht.
Doch in der deutschen Debatte wirkt es oft, als müsse man sich zunächst entschuldigen, bevor man „Sicherheit“ sagt. Der Tonfall schwankt zwischen fatalistischem Kleinmut und moralischer Selbstberuhigung: Man sei doch ein Land der Diplomatie. Man habe doch gelernt. Man wolle doch Frieden. All das mag stimmen – nur ersetzt es keine Fähigkeit. „Als Staat darf man tatsächlich nicht erpressbar sein“, sagt Brigadegeneral Thomas Hambach. Er beschreibt damit weniger einen militärischen Zustand als einen politischen: die Erfahrung, dass andere Mächte versuchen, Grenzen zu setzen – nicht indem sie Befehle geben, sondern indem sie diktieren, „was wir nicht tun sollen“. Wer sich so führen lässt, ist nicht souverän. Und wer nicht souverän ist, kann im Zweifel auch nicht vermitteln.
Die Zeitenwende hat begonnen – und sie fühlt sich ungewohnt an
Ausgerechnet ein Perspektivwechsel hilft, die deutsche Selbstwahrnehmung zu korrigieren. Hambach schlägt vor, einmal nicht mit dem deutschen Reflex zu schauen („zu spät, zu wenig, zu langsam“), sondern wie ein Partner von außen. Wie blickt ein litauischer Parlamentarier auf die Bundeswehr? Wie wirkt Deutschland aus der Ostflanke? Dann, sagt Hambach, sieht man nicht nur Mängel, sondern Bewegung. Man erkennt politische Botschaften, die in den vergangenen Jahren undenkbar schienen: Deutschland baut eine Brigade in Litauen auf – „als ganz starkes Zeichen“, wie Oberst Armin Schaus ergänzt. Und man erkennt, dass die Republik einen mentalen Schalter umlegt: weg vom internationalen Krisenmanagement, hin zur Landes- und Bündnisverteidigung.
Auch Johannes Müller, SVP Sustainability & Communications bei Airbus Defence and Space, beschreibt diesen Wandel als kulturelle Zumutung – aber auch als Fortschritt. „Wir reden drüber. Das haben wir 30 Jahre nicht gemacht“, sagt er. Die Rüstungs- und Sicherheitsindustrie sei gesellschaftlich lange behandelt worden „wie Pornografie und Tabak“. In der Sprache der ESG-Kriterien, der moralischen Investitionshygiene, war Verteidigung oft ein Makel. Heute verschiebt sich das Koordinatensystem: nicht, weil Krieg plötzlich populär wäre, sondern weil die Abwesenheit von Verteidigungsfähigkeit kein moralischer Zustand ist, sondern eine Einladung.
Gleichzeitig ist die neue Ernsthaftigkeit ungleich verteilt. Müller sagt offen, was in vielen Umfragen mitschwingt: Deutschland habe „noch nicht erkannt, wo der Ernst der Lage gerade ist“. Die Bereitschaft, das Land zu verteidigen – in welcher Form auch immer – sei niedrig. Das ist die eigentliche deutsche Baustelle: nicht nur Material, sondern Haltung. Und damit die Frage, wie aus einer abstrakten Bedrohung eine konkrete Verantwortung wird, ohne in Alarmismus zu kippen.
Nicht nur Panzer: Warum Resilienz zur Kernaufgabe wird
Schaus spricht von einer Bedrohungsanalyse, die nüchtern ausweist, wie moderne Konflikte längst aussehen: Desinformation, Cyberangriffe, Ausspähung, Sabotage – bis hin zu Anschlägen. Sicherheitspolitik, sagt er sinngemäß, sei kein Feld für Bauchgefühl. „Bei Sicherheitsfragen halte ich mich weniger an Glauben und Bauchgefühl, sondern eher mal an Fakten.“ Genau darin liegt eine neue deutsche Tonlage: weniger moralische Pose, mehr Lagebild.
Verteidigungsfähigkeit heißt nicht notwendigerweise nur Dienst an der Waffe, sondern auch gesamtgesellschaftliche Resilienz.
Johannes Müller
Und aus diesem Lagebild folgt ein Begriff, der bislang eher nach skandinavischer Broschüre klang: Gesamtverteidigung. Resilienz von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Schaus berichtet, dass Unternehmen heute nicht zuerst fragen, wie sie vom Sondervermögen profitieren könnten, sondern: „Was ist meine Rolle in der Gesamtverteidigung und wie werde ich resilient?“ Dass Firmen O-Pläne für sich selbst entwerfen, Arbeitsgruppen bilden, Finanzmittel bereitstellen – das ist, in der Summe, eine stille Zeitenwende jenseits der Schlagzeilen. Resilienz wird nicht nur als staatliche Aufgabe verstanden, sondern als betriebliche Überlebensfrage.
Dabei plädiert Schaus dafür, die Debatte nicht an der Kriegsangst aufzuhängen, sondern an Alltagsszenarien: Stromausfall, Infrastrukturstörung, Pandemie. Wenn Menschen begreifen, dass Vorratshaltung und Erste-Hilfe-Kompetenz nicht Militarismus bedeuten, sondern Zivilisation, wächst Akzeptanz. Er erzählt von Betriebsräten, die mit Goodies für Erste-Hilfe-Kurse arbeiten – ein deutscher Weg über das „Belohnungszentrum“. Vielleicht ist es nicht pathetisch, vielleicht ist es pragmatisch. Und Pragmatismus ist in Deutschland manchmal der einzige Weg, große Begriffe klein genug zu machen, um sie ernst zu nehmen.
Hambach fasst das im Kern zusammen: „Verteidigung beginnt für mich im Kopf.“ Das ist mehr als ein motivierender Satz. Es ist eine strategische Diagnose. Eine Armee kann man kaufen, eine Verteidigungsbereitschaft nicht. Wer das „Wofür“ nicht kennt, wird jedes „Wie“ als Zumutung empfinden.
Beschaffung: schneller werden, ohne sich zu verrennen
Geld, so viel ist klar, ist notwendig – aber nicht hinreichend. Kerry Hoppe nennt es im Panel „historische Entwicklungen“: Sondervermögen, neue fiskalische Spielräume, massive Summen. Hambach spricht sogar von der „horrenden Aufgabe“, im kommenden Jahr 150 Milliarden Euro unterzubringen. Das Geld ist da. Aber Geld ersetzt keine Struktur. Und es löst nicht automatisch das Problem der Geschwindigkeit.
Müller beschreibt, wo Beschaffung tatsächlich schneller wird: bei etablierten Plattformen – Panzer, Jet, Fregatte – wenn Anforderungen klar sind. Schwierig wird es bei neuen Systemen, in denen Technologie sich schneller verändert als Ausschreibungen. Dann brauche es neue Arbeitsweisen: „Agile“, „Spiral Development“, weniger Überspezifikation, schneller zu „Minimal Viable Products“. Müller verweist auf ein ukrainisches Innovationsökosystem, in dem getestet wird, was wirkt – brutal effizient, weil der Krieg die Wahrheit erzwingt. „Code in the Morning, Fight in the Afternoon“, sagt er. Europa könne das nicht eins zu eins kopieren – und müsse es auch nicht. Aber lernen könne es sehr wohl: schneller iterieren, schneller entscheiden, schneller aus Fehlern lernen.
Das zweite Risiko, sagt Müller, kommt paradox mit dem Geld: Es zieht Akteure an, „die vielleicht eine andere Agenda als Resilienz“ verfolgen – schnelle Versprechen, wenig Lieferfähigkeit. Die Debatte um „New Defense vs. Old Defense“ hält er für eine Scheindebatte. Entscheidend ist nicht, wer hip ist, sondern wer zuverlässig liefert – und wer in ein europäisches Gesamtsystem passt.
Und damit sind wir bei der dritten Baustelle: Europas Fragmentierung. Müller nennt eine Zahl, die wie ein wirtschaftlicher Offenbarungseid klingt: Die USA betreiben mit ihrem Budget etwa 39 Plattformen, Europa hingegen 179. Zu viele parallele Lösungen, zu viele nationale Eitelkeiten, zu wenig Skalierung. Das Ergebnis: Europa kauft – mangels Alternativen – noch immer viel in den USA. Nicht, weil der „militärische Kunde“ unfähig wäre, sagt Müller, sondern weil Europa zu oft nicht liefert, was es politisch predigt.
Bei Sicherheitsfragen halte ich mich weniger an Glauben und Bauchgefühl, sondern eher an Fakten.
Armin Schaus
Hambach deutet an, dass auch auf deutscher Seite neue Strukturen entstehen sollen: weniger Zentralismus, mehr spezialisierte Agenturen, Clusterbildung wie beim „FANSLab“ in Erding rund um Drohnentechnologie – Bundeswehr, Industrie, Universitäten, Landespolitik auf engem Raum. Das ist im Grunde eine kleine Antwort auf eine große Frage: Wie bringt man Innovation in ein System, das jahrzehntelang auf Risiko-Vermeidung trainiert war?
Wer ist bereit – und wer wird endlich gefragt?
Am Ende läuft alles auf ein Problem zu, das weder in Litauen gelöst wird noch in Ausschreibungsordnungen: die demokratische Bereitschaft zur Selbstbehauptung. Müller sagt: „Wir reden über die Gen Z, aber irgendwie redet niemand mit ihr.“ Wehrpflichtdebatten ohne die Betroffenen wirken wie Politik aus der Zeit der Telefonzelle. Hambach formuliert es als Generationenfrage: „Das ist nicht unsere Zukunft, sondern es ist deren Zukunft.“ Wer Verteidigungsfähigkeit will, muss die Debatte so führen, dass sie nicht nach Zwang klingt, sondern nach Verantwortung – und zwar in unterschiedlichen Formen: Bundeswehr, Heimatschutz, THW, Feuerwehr, Rotes Kreuz, Ehrenamt.
Schaus nennt das Ehrenamt „Kitt in der Gesellschaft“. Das ist ein interessanter Begriff in diesem Kontext: Resilienz ist nicht nur Technik, sondern Vertrauen. Eine Gesellschaft, die sich kennt, hilft sich. Eine Gesellschaft, die nur noch nebeneinander lebt, wird in der Krise gegeneinander nervös.
Und hier liegt vielleicht der eigentliche Kern der deutschen Zeitenwende: Sie ist nicht primär eine militärische Modernisierung, sondern eine demokratische Selbstverständigung. Was verteidigen wir? Und warum ist es das wert? Hambach erinnert an den Satz Gregor Gysis, er wolle nicht wieder in einem anderen System leben. Das ist, in seiner Schlichtheit, die stärkste Begründung. Nicht geopolitisch, nicht technokratisch – menschlich.
Im letzten Satz des Panels verdichtet Kerry Hoppe die Debatte zur Formel: „Wir können nur verteidigungsfähig werden, wenn wir wissen, was wir verteidigen und warum wir das verteidigen wollen.“ Diese Diskussion fand beim 48forward Festival 2025 in der Alten Kongresshalle statt – und sie zeigte, wie sehr sich Deutschlands Sicherheitsfrage inzwischen aus Kasernen heraus in die Mitte der Gesellschaft schiebt: als Zumutung, als Aufgabe, als notwendige Reifeprüfung.