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Wandl: Was weiß ein alter Bauernhof über die Zukunft der Arbeit?

Über die stille Revolution des Arbeitens, Denkens und Zusammenkommens

Wandl: Was weiß ein alter Bauernhof über die Zukunft der Arbeit?
Monika und Curt Simon Harlinghausen (© sashmedia / saschabartel)

Es gibt eine Szene, die sich in deutschen Unternehmen dutzendfach täglich wiederholt und über die kaum jemand spricht, weil sie so vertraut ist, dass sie längst als Normalzustand gilt: Ein Team sitzt in einem Konferenzraum, der aussieht wie alle Konferenzräume der Welt. Grauer Teppichboden, Deckenlicht, ein Bildschirm an der Wand. Draußen, hinter milchigen Fensterscheiben, liegt irgendein Stadtrand. Es wird präsentiert, diskutiert, moderiert. Und am Ende des Tages fährt jeder wieder nach Hause – mit einem rauchenden Kopf, einer langen To-do-Liste und dem diffusen Gefühl, dass das Wesentliche irgendwie nicht gesagt worden ist.

Diese Form des Zusammenkommens hat ihren Sinn gehabt. Sie hat Effizienz, Standardisierung, Skalierbarkeit versprochen. Aber sie hat etwas übersehen, das sich nicht wegoptimieren lässt: dass Menschen keine Informationsverarbeitungsmaschinen sind. Dass echte Ideen selten in PowerPoint-Folien entstehen. Und dass Vertrauen – das eigentliche Fundament jeder Zusammenarbeit – nicht per Tagesordnungspunkt beschlossen werden kann.

Die Erschöpfung des Standards

Die Gegenbewegung ist leise, aber sie ist real. Seit einigen Jahren lässt sich beobachten, wie Unternehmen, Teams und Netzwerke nach anderen Formen suchen – kleinere Formate, ausgesuchtere Orte, intensivere Begegnungen. Nicht die Konferenz mit fünfhundert Teilnehmern und drei Parallelspuren, bei der man am Ende vor allem den eigenen Landsleuten zuhört. Sondern das Retreat, das Offsite, das Camp – Formate, die nicht auf Masse setzen, sondern auf Tiefe. Auf das, was entsteht, wenn man Menschen wirklich aus ihrem Alltag herausreißt.

Der Grund dafür ist einfacher, als er klingt: Gewohnheit ist der größte Feind des Denkens. Wer immer am selben Schreibtisch sitzt, denkt immer in denselben Bahnen. Wer den ganzen Tag auf einen Bildschirm schaut, verlernt, mit dem Körper zu denken. Und wer seine Kollegen nur in Meetings kennt, kennt sie eigentlich gar nicht. Der Ortswechsel ist keine Kür, er ist eine kognitive Notwendigkeit. Das wussten kluge Menschen lange vor der Erfindung des Business-Retreats – die Peripatetiker unter Aristoteles diskutierten im Gehen, die Romantiker suchten das Erhabene in den Bergen. Der Gedanke, dass Denken und Körper zusammengehören, ist uralt. Nur haben wir ihn für eine Weile vergessen.

Dass YouTube jeden Vortrag verfügbar macht, dass jeder Podcast jeden Experten zugänglich macht, hat die klassische Konferenzformel weiter unter Druck gesetzt. Die Zeit von dieser Frontalbeschallung mit Bühne und irgendwie ein paar hundert Leute sitzen davor ist weitestgehend vorbei. Was bleibt, wenn die Bühne wegfällt, ist die eigentliche Frage. Und die Antwort darauf liegt manchmal an unerwarteten Orten.

Ein Bauernhof als Denkmodell

Ruhpolding ist eine Gemeinde im Chiemgau, etwa eine Autostunde von München, eine halbe von Salzburg. Es gibt dort eine Biathlon-Arena von Weltrang, einen Golfplatz, ein Skigebiet. Und seit einigen Jahren einen denkmalgeschützten Bauernhof aus dem 17. Jahrhundert, den Monika Harlinghausen-Smith und Curt Simon Harlinghausen über dreieinhalb Jahre zu etwas Seltsamem und Schlüssigem zugleich umgebaut haben: zu einem Ort, der Konferenzhotel und Familienheim, Innovationslabor und Landwirtschaft, Rückzugsort und Begegnungsstätte in sich vereint. Sie nennen ihn Wandl.

Wir wollten einen Raum erschaffen, nicht nur für uns und die Familie, sondern auch einen, wo wir unsere Profession ausleben können – andere Menschen weiterbringen, Systeme weiterentwickeln, weiterdenken, ausprobieren.

Monika Harlinghausen-Smith

Was auf den ersten Blick wie eine ungewöhnliche Kombination wirkt, folgt bei näherer Betrachtung einer inneren Logik. Curt Simon Harlinghausen, der in Ruhpolding aufgewachsen ist und später als Unternehmer und Berater weltweit arbeitete, beschreibt den Ort so: „Spätestens nach einem Tag sind die Leute geerdet." Dieser Satz klingt einfach. Er ist es nicht. Er beschreibt einen Prozess, den man nicht buchen und nicht simulieren kann: dass ein Mensch, wenn er langsam bremst, wenn er Schafe hört und Berge sieht und frisches Wasser trinkt, wieder bei sich ankommt. Und dass aus diesem Ankommen heraus eine andere Qualität des Denkens möglich wird.

Das Wandl bietet Konferenzräume, Gästezimmer, eine voll ausgestattete Schreinerei, ein KI-Labor für praktische Experimente, 3D-Drucker, Laserschneider, eine Sauna, eine Bar mit selbst kuratierten Cocktails und eine Küche, in der mit frischen Zutaten aus dem eigenen Garten und von umliegenden Bauernhöfen gekocht wird. Jedes Zimmer ist anders – entstanden aus ehemaligen Stallungen, Heuabwürfen, Lagerräumen. Kein Standard außer dem der Matratzen, die aus Naturmaterialien bestehen. Für Gruppen aus DAX-Unternehmen, für internationale Strategiemeetings, für Kreativteams. Neulich waren Gäste aus Sydney, Singapur, Shanghai, London, New York, Los Angeles, Madrid und Berlin da – für eine Woche Strategiearbeit.

Was diese Gäste suchen und finden, ist mehr als Ruhe. Es ist die Erfahrung, nicht in einem Hotel zu sein, sondern bei jemandem zu Hause. „Die Leute merken spätestens am zweiten Tag, sie sind nicht in einem Hotel, sondern sie sind bei uns zu Hause", sagt Harlinghausen. „Da läuft auf einmal ein Kind durch, da sind Schafe, die blöken, weil sie Hunger haben." Und dann trägt plötzlich jeder sein Geschirr in die Küche. Diese scheinbare Kleinigkeit verändert alles: Sie bricht die Distanz auf, die formale Settings aufrechterhalten.

Erleben statt Beschallen – und der Mut zur Unvollkommenheit

Es ist ein Unterschied, ob man Dinge versteht oder ob man sie erlebt. Im besten Fall fallen beide zusammen – aber das erfordert Bedingungen, die in den meisten Arbeits- und Lernumgebungen systematisch verhindert werden. Monika Harlinghausen-Smith, die neben ihrer Rolle als Gastgeberin auch eine Ausbildung zur Landwirtin absolviert hat und sich kommunalpolitisch in Ruhpolding engagiert, beschreibt das Prinzip, nach dem sie Aufenthalte gestaltet, schlicht und präzise: „Das Besondere bei uns ist, dass wir nicht nur Hosts sind, sondern auch im Business selbst voll drinstehen." Was das in der Praxis bedeutet: Wenn eine Gruppe anreist, bekommt sie keine fertige Agenda übergestülpt, sondern ihre Ziele werden gemeinsam kuratiert – bis zur letzten Unverträglichkeit, bis zum letzten Ziel, wer mit wem wohin möchte.

Das ist ein Anspruch, der weit über Hospitality hinausgeht. Er setzt voraus, dass die Gastgeber selbst in der Lage sind, strategisch zu denken, Prozesse zu begleiten, Gruppen zu lesen. Dass Raum und Programm nicht voneinander getrennt sind, sondern ineinanderwirken. Die Geschichte des Hauses ist dabei kein Dekor – sie ist Teil des Angebots. Ein Ort, der Jahrhunderte überdauert hat, der umgenutzt und weitergedacht wurde, erzählt allein durch seine Existenz etwas über Wandel und Bestand.

Hinzu kommt eine bewusste Verbindung von Handfestem und Abstrakt-Strategischem. Eine Schreinerei, in der man Prototypen baut. Ein KI-Labor, in dem man nicht über künstliche Intelligenz redet, sondern sie ausprobiert – und vielleicht flucht, weil der Lichtschalter zu viele Funktionen hat. Harlinghausen formuliert den dahinterliegenden Gedanken so: „Gerade im Zeitalter der KI, wo die Menschen viel zu viel Zeit auf der Strategie verbringen und dann die Entwicklung verpassen, ist es so wichtig, dass man genau in dieses Hands-on geht." Der erste Schritt, sagt er, sei immer der schwerste. Aber danach: weniger Angst, viel mehr Offenheit. Was er beschreibt, ist keine Lernmethode. Es ist eine Haltung.

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