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Was bedeutet Verteidigung im Zeitalter hybrider Bedrohungen?

Souveränität beginnt nicht in der Cloud, sondern bei Entscheidungen

Was bedeutet Verteidigung im Zeitalter hybrider Bedrohungen?
Dr. Volker Pötzsch und Suki Fuller im Gespräch mit Tina Kulow auf dem 48forward Festival 2025

Die gefährlichsten Angriffe kündigen sich nicht an. Sie kommen nicht mit Sirenen, nicht mit Rauch, nicht mit Einschlägen. Sie kommen als Update, als Nachricht, als Entscheidung, die man für bequem hält. Hybrid Warfare heißt nicht Krieg im klassischen Sinn – sondern die langsame Verschiebung dessen, was als normal gilt. Wer heute darüber spricht, spricht über den Alltag.

Vielleicht ist das der Grund, warum Suki Fuller, Expertin für geopolitische Strategien und Fellow im Council of Competitive Intelligence Fellows, die Frage nach dem Stand der Cybersicherheit mit einer irritierenden Antwort versieht: null. Nicht als Bankrotterklärung, sondern als nüchterne Bestandsaufnahme. Sicherheit, so Fuller, ist kein erreichbarer Zustand. Sie bewegt sich – immer. Während man glaubt, Fortschritte gemacht zu haben, hat sich die Bedrohung bereits verlagert. „Böswillige Akteure suchen ständig nach besseren Wegen, um Schaden anzurichten“, sagt sie. Wer das übersieht, misst sich selbst falsch.

Sicherheit ist kein Zustand

In Deutschland lässt sich die Abstraktion beziffern. Dr. Volker Pötzsch, Leiter der Steuergruppe Aufbau INNO in der Abteilung Innovation und Cyber des Bundesministerium der Verteidigung, nennt eine Zahl, die jede Skala obsolet macht: 202 Milliarden Euro Schaden durch Cyberkriminalität in nur einem Jahr. Sie markiert keinen Ausnahmezustand, sondern den Normalfall einer Gesellschaft, deren Infrastruktur digital geworden ist, ohne dass ihr Sicherheitsverständnis Schritt gehalten hätte.

Cybersicherheit, so Dr. Pötzsch, sei lange ein Randthema gewesen – technisch, abstrakt, delegierbar. Erst jetzt entstehe so etwas wie Dringlichkeit. Doch auch sie täuscht leicht. Wer glaubt, ein Ziel erreichen zu können, wird träge. „Wir werden immer kämpfen müssen“, sagt er. Nicht, weil alles hoffnungslos ist – sondern weil Stillstand der eigentliche Gegner ist.

Souverän ist, wer wählen kann

Digitale Souveränität gilt derzeit als politisches Heilsversprechen. Doch Dr. Pötzsch misstraut dem Begriff. Nicht Abschottung sei das Ziel, sondern Entscheidungsfreiheit. Souverän sei nicht, wer alles selbst mache, sondern wer Alternativen habe. „Eine echte Entscheidung“, sagt er, bestehe nicht aus Ja oder Nein, sondern aus Auswahl.

Diese Auswahl fehlt häufig. Staaten besitzen weder das Personal noch die Geschwindigkeit, um zentrale digitale Systeme selbst zu entwickeln. Also kaufen sie ein. Große Plattformen, globale Anbieter, proprietäre Lösungen. Dass diese Unternehmen primär ihren eigenen Interessen folgen, ist kein Skandal – sondern Systemlogik. Suki Fuller nennt das keinen Verdacht mehr, sondern ein bekanntes Risiko. Die Frage sei längst nicht mehr, ob man Abhängigkeiten eingehe, sondern wie bewusst.

Der Mensch als Schwachstelle – und als Hoffnung

Hybrid Warfare richtet sich nicht gegen Server allein, sondern gegen Routinen. Kühlschränke, Autos, Telefone – alles ist Teil einer vernetzten Wirklichkeit. Cyber ist kein eigener Raum mehr. Es ist das Leben selbst. Deshalb sei der Mensch immer der schwächste Punkt, sagt Fuller – und zugleich der stärkste. Technik kann perfekt sein, Systeme redundant, Regeln wasserdicht. Ein Moment der Unachtsamkeit reicht dennoch aus.

Dr. Pötzsch vergleicht Cybersicherheit mit Brandschutz in einem Dorf. Die beste Feuerwehr nütze nichts, wenn jemand vergisst, die Kerze auszumachen. Sicherheit beginnt nicht bei Behörden, sondern bei Bewusstsein. Nicht heroisch, nicht vollständig – aber wirksam. Der Schritt von null auf eins sei möglich. Mehr nicht. Und mehr brauche es auch nicht, um angreifbarer zu werden oder resilienter.

Fortschritt schlägt Perfektion

Europa, darin sind sich beide einig, leidet weniger an mangelnder Intelligenz als an struktureller Langsamkeit. Die Neigung, alles zu Ende zu denken, jedes Risiko vorab auszuschließen, hat ihren Preis. „Nach zehn Jahren haben wir ein perfektes Produkt“, sagt Dr. Pötzsch. „Aber jemand anderes hat es schon vor zehn Jahren verkauft.“

Gerade darin liege jedoch eine Chance. Nicht mit gigantischen Allzwecksystemen, sondern mit spezialisierten, modularen Lösungen könne Europa aufholen – oder überspringen. Software statt starrer Plattformen. Anpassung statt Endzustand. Sicherheit nicht als Bollwerk, sondern als Prozess.

Über diese Verschiebung des Denkens – von Kontrolle zu Beweglichkeit, von Illusionen zu Verantwortung – sprachen Suki Fuller und Dr. Volker Pötzsch mit Tina Kulow beim 48forward Festival 2025 in der Alten Kongresshalle. Es war kein Gespräch über Gewissheiten. Sondern über die Einsicht, dass Sicherheit dort beginnt, wo man aufhört, sie für selbstverständlich zu halten.​

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