Zum Inhalt springen

Zwischen Krieg und Frieden liegt die Grauzone

Europas Sicherheitspolitik am Scheideweg

Zwischen Krieg und Frieden liegt die Grauzone
Kay Brinkmann und Giedrimas Jeglinskas im Gespräch mit Torben Gefken im Rahmen des 48forward Festivals 2025

Europa lebt nicht mehr im Frieden – aber auch noch nicht im Krieg. Dieser Satz, den der ehemalige Chief of Staff des Eurocorps Kay Brinkmann formuliert, beschreibt präzise den Zustand einer sicherheitspolitischen Schwebe, die den Kontinent zunehmend prägt. Der russische Angriff auf die Ukraine hat nicht nur eine klassische militärische Konfrontation zurückgebracht, sondern eine Form der Auseinandersetzung sichtbar gemacht, die weit über Panzer und Raketen hinausgeht: Cyberangriffe, Desinformation, ökonomischer Druck, gesellschaftliche Polarisierung. Der moderne Krieg kommt selten mit einer formellen Kriegserklärung. Er beginnt im digitalen Raum, im politischen Diskurs, in der Infrastruktur des Alltags.

Hybride Kriegsführung bedeutet, Unsicherheit zu erzeugen, ohne klare Schwellen zu überschreiten. Sie zielt darauf ab, Gesellschaften zu zermürben, Entscheidungsprozesse zu verlangsamen und Vertrauen in staatliche Institutionen zu untergraben. Genau darin liegt ihre strategische Kraft – und Europas größte Verwundbarkeit.

Sicherheit ist mehr als Militär

Aus militärischer Sicht herrscht bemerkenswerte Einigkeit darüber, wie sehr sich das globale Sicherheitsumfeld verändert hat. Brinkmann spricht von einer Rückkehr geopolitischer Logiken: Einflusszonen, Machtprojektion, Abschreckung. Gleichzeitig sei offensichtlich geworden, dass militärische Stärke allein nicht ausreiche. „Wenn wir heute über Sicherheit sprechen, können wir das nicht mehr nur aus einer militärischen Perspektive tun“, sagt er. Verteidigung sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe geworden.

Diese Erkenntnis hat konkrete Folgen. Innerhalb der NATO wurden erstmals seit dem Kalten Krieg wieder umfassende Verteidigungspläne verabschiedet – abgestimmt, multinational, verbindlich. Sie markieren einen Paradigmenwechsel: Abschreckung nicht als theoretisches Konzept, sondern als operative Realität. Die Botschaft dahinter ist eindeutig: Stärke soll Krieg verhindern, nicht vorbereiten. Doch um glaubwürdig zu sein, muss diese Stärke auch jenseits von Papier existieren – in Fähigkeiten, Personal, industrieller Kapazität und politischem Willen.

Die Lektion des Ostens

Während in Westeuropa lange über die Wahrscheinlichkeit eines militärischen Konflikts gestritten wurde, galt die Bedrohung in Osteuropa nie als abstrakt. Der litauische Parlamentarier Giedrimas Jeglinskas spricht von einem historischen Erfahrungsschatz, der die politische Kultur seines Landes bis heute prägt. Jahrhunderte unter russischer und sowjetischer Vorherrschaft hätten ein besonderes Sensorium für Machtpolitik hinterlassen. Gute Nachrichten würden dort grundsätzlich überprüft, Versprechen nicht ungeprüft geglaubt.

Diese Haltung hat Folgen für die Gesellschaft. In Litauen – und ähnlich in den baltischen Staaten und Polen – ist Sicherheitspolitik kein Randthema. Die Bedrohungsanalyse ist weitgehend konsensual, parteiübergreifend, gesellschaftlich verankert. Daraus erwächst eine Bereitschaft, in Verteidigung zu investieren und unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Resilienz, so Jeglinskas, sei kein Schlagwort, sondern eine Organisationsfrage: Wer trägt Verantwortung, wenn alles gleichzeitig unter Druck gerät – von Cybernetzen über Energieversorgung bis zur öffentlichen Kommunikation?

Seine Antwort ist klar: Resilienz lässt sich nicht in Ressorts aufteilen. Sie erfordert einen „Whole-of-Government“-Ansatz, angesiedelt auf höchster politischer Ebene, mit echter Durchgriffsmacht. Und sie braucht Zeit. Bildung, Infrastruktur, digitale Abwehr, gesellschaftliches Vertrauen – all das lässt sich nicht kurzfristig herstellen. Wer zu spät beginnt, zahlt später einen höheren Preis.

Europas offene Frage

Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch nicht nur in der Analyse, sondern in der politischen Umsetzung. Europas Bedrohungswahrnehmung ist fragmentiert. Während Staaten an der östlichen Flanke Russland als existenzielle Gefahr sehen, blicken andere Regionen stärker nach Süden oder auf instabile Nachbarschaften. Diese unterschiedlichen Perspektiven sind legitim – sie machen gemeinsame Strategien aber kompliziert.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Demokratie. Jeglinskas beschreibt, wie die anfängliche Geschlossenheit Europas nach dem Februar 2022 langsam bröckelt. Steigende Preise, soziale Spannungen, politische Polarisierung – all das schafft Räume für Kräfte, die einfache Antworten versprechen und sicherheitspolitische Solidarität infrage stellen. Führung, so seine Diagnose, wird damit zur entscheidenden Ressource. Ohne glaubwürdige politische Führung verliert selbst die beste Strategie ihre Wirkung.

Europa steht damit vor einer unbequemen Realität: Wer am Verhandlungstisch gehört werden will, braucht mehr als moralische Argumente. „Frieden entsteht durch Stärke“, sagt Jeglinskas – nicht als martialische Parole, sondern als nüchterne Beschreibung internationaler Machtverhältnisse. Diplomatie ohne Rückhalt werde zur Einladung, ausgenutzt zu werden.

Quo vadis Europa?

Am Ende dieser Debatte steht keine einfache Lösung, sondern eine Zumutung: Sicherheit verlangt Beteiligung. Militärisch, politisch, gesellschaftlich – und individuell. Resilienz beginnt nicht erst beim Staat, sondern beim Einzelnen, sagt Brinkmann. Ohne eine Bevölkerung, die Bedrohungen erkennt und Verantwortung akzeptiert, bleiben Strategien abstrakt.

Diese Überlegungen wurden bei einer Diskussion, moderiert von Torben Gefken, im Rahmen des 48forward Festivals im November 2025 in der Alten Kongresshalle in München deutlich, in der Kay Brinkmann und Giedrimas Jeglinskas über Europas sicherheitspolitische Zukunft sprachen. Was dort verhandelt wurde, reicht jedoch weit über ein einzelnes Panel hinaus: Es ist die Frage, ob Europa bereit ist, die Grauzone zwischen Krieg und Frieden als dauerhafte Realität anzunehmen – und entsprechend zu handeln.

Podcast anhören: