Deutschland ist erschöpft: von der Flut der Nachrichten, vom Dauerstreit, von sich selbst. Und ausgerechnet jetzt, da mehr Menschen denn je psychotherapeutische Hilfe suchen, will die Politik an der Versorgung sparen. Der Psychiater Dr. Pablo Hagemeyer über eine Gesellschaft, die verlernt hat, zu unterscheiden, was wichtig ist – und was nicht.
Es gibt eine Zahl, die erklärt, warum sich dieses Land so anfühlt, wie es sich anfühlt. Mehr als etwa sieben Informationseinheiten pro Zeiteinheit, sagt der Psychiater und Psychotherapeut Pablo Hagemeyer, könne das menschliche Gehirn nicht verarbeiten. Was darüber hinausgeht, prallt nicht einfach ab – es stresst. „Stress macht Gehirn schlecht", formuliert Hagemeyer lakonisch. Die Amygdala aktiviert Überlebensprogramme, Flucht oder Angriff, im Extremfall Starre. Wer sich fragt, warum öffentliche Debatten immer öfter wie Nahkämpfe wirken, warum Kommentarspalten binnen Sekunden eskalieren, warum selbst private Gespräche zunehmend die Form von Verteidigungsreden annehmen, findet hier einen Teil der Antwort: Eine Gesellschaft im Daueralarm diskutiert nicht. Sie verteidigt sich.
Hagemeyer, der in Oberbayern praktiziert und gerade mit „Der Patient, der mit der Stille sprach" eine Sammlung von Fallgeschichten vorgelegt hat – kurze, verdichtete Erzählungen, die an die frühen Bücher Ferdinand von Schirachs erinnern, nur eben aus dem Behandlungszimmer statt aus dem Gerichtssaal –, hat für diesen Zustand einen Begriff: Entpriorisierung. „Das Denken wird entpriorisiert. Es wird breit und dünn ausgestrichen und alles ist gleich wichtig." Jede Eilmeldung, jeder Krieg, jeder Skandal, jedes Detail jeder Krise dieser Welt erreicht uns gleichzeitig und gleichrangig. Das Gehirn aber, das evolutionär auf strenge Prioritäten gebaut ist, kapituliert vor dieser Gleichwertigkeit. Was bleibt, ist Orientierungslosigkeit – und die ist, so Hagemeyers Diagnose, der eigentliche Nährboden für das, was die politische Gegenwart so unwirtlich macht.
Betroffenheit links, Verachtung rechts
Denn wo Orientierung fehlt, entstehen Märkte. Hagemeyer beschreibt zwei davon. Auf der einen Seite eine „Betroffenheitsökonomie", die auf jedes falsche Wort, jeden missverständlichen Nebensatz mit reflexhafter Empörung reagiert – und aus dieser Empörung Aufmerksamkeit, Identität, mitunter auch Geld schöpft. Auf der anderen Seite eine „Verachtungsökonomie" der Rechten, die alles verächtlich macht: die Demokratie, die Geschichte, die Institutionen. Ihr Vorteil, so bitter es klingt: Sie bietet klare Strukturen. „Das gibt diesen oberflächlichen oder erschöpften Menschen eine Orientierung, weil sie wissen: Endlich weiß jemand, wie es geht."
Wenn man etwas wiederholt, auch wenn es eine Unwahrheit ist, ist das schon der erste Schritt einer guten Propaganda.
Dr. Pablo Hagemeyer
Dazwischen sitzt eine Mitte, die Hagemeyer als Anpassungsökonomie beschreibt – Menschen, die sich durchlavieren, dazugehören wollen, funktionieren. Und ein Fernsehformat, das die Verwirrung komplettiert: die False Balance, das Prinzip der falschen Ausgewogenheit. Wenn in einer Talkshow ein Klimaforscher neben einem Parteifunktionär sitzt und beiden dieselbe Frage gestellt wird, wirken Expertise und Meinung plötzlich gleichrangig. Der Wissenschaftler, empört und angegriffen, verliert seine Souveränität – und damit, ohne es zu merken, die Debatte. Die freie Meinungsäußerung des Gegenübers hingegen wird zur identitätsstiftenden Überzeugung geadelt.
Wie weit diese Mechanik trägt, hat zuletzt das vieldiskutierte Interview mit Björn Höcke gezeigt. Hagemeyer hat es sich, wie er sagt, mehrfach angesehen – mit dem Blick des Psychiaters. Was er beschreibt, ist keine Diagnose, das betont er ausdrücklich, sondern eine Beobachtung „subklinischer" Züge: emotionale Kälte, flache Affekte, Desinteresse an den Konsequenzen des eigenen Handelns, eine erstaunlich schmale thematische Spur hinter der rhetorischen Fassade. „Irgendwann, wenn man das mehrmals hört, wird einem plötzlich klar, was für eine Fassade er da hat." Die Frage, die Hagemeyer stellt, ist eine unbequeme: Sind wir bereit zu prüfen, wann es hilfreich ist, solche Figuren reden zu lassen, damit sie sich selbst entlarven – und wann wir ihnen damit nur eine Bühne bauen? In der Evolutionspsychologie, sagt er, sei jede Eigenschaft hilfreich und hinderlich zugleich; es komme auf Ausprägung und Kontext an. Übertritt ein Merkmal eine bestimmte Schwelle, oder ändert sich die Umwelt, stürzt eine Art über die evolutionäre Klippe. Man muss diese Metapher nicht überdehnen, um zu ahnen, was er meint.
„Eine Diagnose gibt es nur für die Krankenkasse"
Man könnte all das für Feuilleton-Stoff halten, für die übliche Zeitdiagnostik. Wäre da nicht die zweite, sehr konkrete Ebene des Problems: Ausgerechnet in dem Moment, in dem die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen Früchte trägt, in dem Menschen offen über Depressionen und Burnout sprechen können und die Fallzahlen steigen, plant die Gesundheitspolitik Einschnitte in die psychotherapeutische Versorgung. Hagemeyer findet dafür drastische Worte – von den „feuchten Träumen eines CEOs" spricht er, der an ein, zwei Prozent der Gesundheitskosten sparen wolle.
Hinter der Polemik steht eine nüchterne Rechnung. Fällt der bisherige Schutz der extrabudgetären Vergütung, fallen Kurzzeitinterventionen ersatzlos weg, rutschen Psychotherapeuten ins Gesamtbudget – dann sinkt der Satz von heute 103 Euro für fünfzig Minuten womöglich auf ein Niveau, von dem niemand mehr leben kann, der ausschließlich psychotherapeutisch arbeitet. Im schlechtesten Szenario, das Hagemeyer durchgerechnet hat, verliert das System ein Viertel seiner Leistungskraft. Gleichzeitig ist die Ausbildung des Nachwuchses seit der Reform von 2020 so prekär organisiert, dass sich künftig womöglich nur noch leisten kann, Psychotherapeut oder Psychotherapeutin zu werden, wer ohnehin wohlhabend ist. Psychotherapie auf gutem Niveau, prognostiziert Hagemeyer, werde es dann noch in den Speckgürteln von München, Hamburg und Frankfurt geben. Der Rest des Landes bleibt mit seinen Diagnosen allein – Diagnosen, von denen Hagemeyer ohnehin wenig hält: „Eine Diagnose gibt es nur für die Krankenkasse." In der Therapie gehe es darum, hinter die Diagnose zu schauen, hinter die Fassade, auf die Frage, was ein Symptom eigentlich sagen will.
Das Märchen von Alice
Was also tun, in einem Land, das laut einer von Hagemeyer zitierten Studie das narzisstischste der Welt sein soll? Seine Antwort ist überraschend unzynisch. Nicht das Narrativ vom Niedergang bedienen, das die Ränder ohnehin dankbar aufgreifen, sondern umfokussieren: auf die „selbstbehauptende Seite, die Nein sagen kann" – Nein zu den Verführern, Nein zu den Vereinfachern, Nein zum eigenen Erschöpfungsfatalismus. Den AfD-Wählern, glaubt Hagemeyer, sei mit dem Etikett des Protestwählers nicht beizukommen; sie wählten aus Überzeugung, weil ihnen jemand ein Märchen erzähle, das Gemeinschaft und Hoffnung verspricht. „Ihr seid alle mit Alice im Zauberland", müsse man ihnen sagen. „Und Alice erzählt euch ein Märchen."