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Die Schwerkraft der Vernunft

Warum ich dieses Buch schreiben musste

Die Schwerkraft der Vernunft
Eva Umlauf und Daniel Fürg

Vor etwa zweieinhalb Wochen las ich auf meinem Telefon, dass ein westlicher Präsident beiläufig über den Tod einer ganzen Zivilisation sprach. Ich saß in einem Café in München, zwischen zwei Terminen. Ich las den Satz. Und ich scrollte weiter.

Nicht aus Desinteresse. Sondern weil mein Nervensystem entschieden hatte, dass dieser Satz keinen Alarm mehr auslöst. Ein Präsident spricht über das Ende einer Zivilisation. Aha. Und morgen?

Kurz darauf traf ich Eva Umlauf. Sie wurde 1942 in einem Arbeitslager in der Slowakei geboren, kam als Kleinkind nach Auschwitz und überlebte, weil ihr Transport sich verspätete. Heute ist sie 83. Kinderärztin, Psychotherapeutin, Autorin. Und sie kämpft. Geht in Schulen, stellt sich vor Sechzehnjährige und erzählt ihre Geschichte.

Ich erzählte ihr von meiner Abgestumpftheit. Sie hörte zu. Und dann korrigierte sie mich. Sie glaube nicht, dass wir abstumpfen, sagte sie. Sie glaube, wir resignieren. Wir resignieren und denken, was wir sagen, ist sowieso unnötig.

Das war der Moment, in dem ich wusste, dass dieses Buch fertig werden muss. Denn Umlauf hat recht. Abstumpfung widerfährt uns. Resignation ist eine Entscheidung. Und wenn genug Menschen entscheiden, dass ihr Widerspruch nichts bewirkt, dann ist die Verschiebung bereits passiert.

Worum es geht

„Die Schwerkraft der Vernunft" ist kein wissenschaftliches Werk. Es ist ein Appell. Und es stellt eine Frage, die wir uns selbst nicht stellen wollen: Was ist mit uns geschehen?

Nicht mit den Populisten, den Extremisten, den Brandstiftern. Mit uns. Mit den Millionen, die bei jeder Sonntagsfrage den Kopf schütteln und am Montag zur Arbeit gehen, als wäre nichts. Mit den Journalisten, die den Alarm nicht mehr schlagen, weil niemand mehr hinschaut. Mit den Politikern, die das Richtige wollen, aber nicht liefern. Mit den Unternehmern, die hinter verschlossenen Türen murren und öffentlich schweigen.

In sieben Kapiteln beschreibe ich die Mechanismen, die eine Demokratie aushöhlen, ohne dass es jemand bemerkt. Die Verschiebung der Sprache. Die Gewöhnung an das Unerträgliche. Die Bequemlichkeit. Die gebrochene Würde. Die Selbstgewissheit der Mitte. Das Schweigen. Und die Pflicht, die daraus folgt.

Die Stimmen

In diesen Kapiteln kommen Menschen zu Wort, deren Erfahrungen weiter reichen als meine eigene. Ece Temelkuran, die beobachtet hat, wie die Türkei ihre Demokratie verlor. Ilko-Sascha Kowalczuk, der 1989 in Leipzig um den Ring marschierte und heute warnt, dass wir an der Schwelle zum Autoritarismus stehen. Philipp Ruch, der eine Asymmetrie benennt, die einem den Schlaf rauben kann: Antidemokraten müssen nur einmal gewinnen. Demokraten müssen jede Wahl gewinnen. Ricarda Lang, die offen über das Versagen der liberalen Demokratie spricht. Peer Steinbrück, Charlotte Knobloch, Gabriele von Arnim, Jeff Jarvis, Douglas Rushkoff, Roman Krznaric. Und immer wieder Eva Umlauf, die den roten Faden hält.

Alle sagen unabhängig voneinander dasselbe: Es fängt immer leise an. Mit einem Satz, den man durchgehen lässt. Mit einer Grenze, die man nicht verteidigt. Und die Warnung kommt immer rechtzeitig. Sie wird nur nie rechtzeitig ernst genommen.

Warum jetzt

Philipp Ruch sagte mir, die vier Jahre ab Februar 2025 würden möglicherweise die entscheidendsten sein, die diese Bundesrepublik je gesehen hat. Peer Steinbrück sprach von einer Nagelprobe auf die Demokratie. Kowalczuk von einer Schwelle zum Autoritarismus. Drei sehr unterschiedliche Männer. Dieselbe Warnung.

Ich weiß nicht, wie dieses Buch in fünf Jahren gelesen werden wird. Ob es als übertrieben gelten wird – das wäre das beste Szenario. Oder ob es als ein Text gelesen wird, der recht hatte.

Ich hoffe auf Ersteres. Aber alle, mit denen ich gesprochen habe, sagen etwas anderes. Und sie haben Erfahrung mit dem, worüber sie reden.

Eva Umlauf hat Auschwitz überlebt und geht mit 83 in Schulen. Gabriele von Arnim fährt am Tag nach Trumps Wahlsieg nach Hamburg und hält eine Lesung über Zuversicht, obwohl sie glaubt, es nicht zu schaffen. Ein polnischer Dissident sagt, nach 1989 habe niemand mehr das Recht, pessimistisch zu sein.

Wenn diese Menschen nicht aufgeben, was ist dann unsere Ausrede?

"Die Schwerkraft der Vernunft" ist ab sofort im Buchhandel - online und offline - erhältlich.

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Daniel Fürg

Daniel Fürg

Daniel Fürg ist Journalist, Autor und Gründer des Mediennetzwerks 48forward. In seinen Texten und Podcasts erkundet er die großen Fragen von morgen – zwischen technologischem Wandel, gesellschaftlicher Verantwortung und der Suche nach Orientierung.

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